Lernen bis zur Geisterstunde

- Konzentriert tippt Katharina Knipp Zahlen in ihren Taschenrechner. Vor der BWL-Studentin auf dem Tisch liegt ein Block mit Rechenaufgaben, außerdem mehrere beschriebene Blätter, dazwischen Textmarker, Stifte und das Handy. Zwei Reihen weiter hat eine Studentin den Kopf auf den Tisch gelegt und döst. Hinter den hohen Fenstern nur der schwarze Himmel und irgendwo in der Nähe eine Turmuhr, die elf Mal schlägt - Donnerstagabend in der Zentralbibliothek der Technischen Universität.

"In der Klausurenphase bin ich fast jeden Abend bis 24 Uhr hier", sagt Knipp. Ihr gesamter Tagesablauf dreht sich dieser Tage um die Bibliothek an der Arcisstraße. "Ich komme gegen zehn, gehe mittags in die Mensa, am Nachmittag kurz Kaffee trinken und hole mir abends noch was vom Döner-Mann", erzählt die Studentin.

Den Döner-Mann um die Ecke kann auch Chemie-Student Andreas Peruf empfehlen. Meistens ernährt er sich allerdings von Semmeln mit Nutella, Salami oder Schinken - im Stehen vor seinem Spind. Peruf nutzt die langen Öffnungszeiten vor allem, weil er meist erst mittags zu lernen beginnt. "Morgens bin ich oft mit meinem Nebenjob beschäftigt."

"Ich bin schon seit halb zehn da", sagt dagegen Maschinenbau-Student Roman Gobitz-Pfeifer, der um 23.15 Uhr mit Laptop, leerer Cola-Flasche und einem Stapel Bücher über "Technische Mechanik" zum Ausgang geht. Warum er nicht zu Hause lernt? "In der Bibliothek bin ich viel weniger abgelenkt", erklärt er.

Denselben Grund führt Max Gössler an, der einige Straßen entfernt die breite Treppe aus dem Lesesaal der Staatsbibliothek herunterkommt. "Ich wohne in einem Wohnheim mit Gemeinschaftsküche", berichtet der VWL-Student. Da abends zu lernen könne er "vergessen". "Es ist einfach eine ganz andere Atmosphäre, wenn ich hier an einem Tisch sitze, auf dem nur eine Bibliothekslampe steht."

Diese Atmosphäre schätzen auch weit nach 22 Uhr offenbar viele: Fast jeder dritte der rund 550 Plätze im Lesesaal der "Stabi" ist besetzt. Erst Mitte Januar wurden die Öffnungszeiten bis Mitternacht verlängert. "Der Andrang war von Anfang an groß", sagt Sprecher Manfred Hank. Viele zögen das Lernen in Gesellschaft dem einsamen Büffeln zu Hause vor, sagt Hank. Man lernt nebeneinander, geht gemeinsam Kaffee trinken oder eine rauchen. Hank: "Der Lesesaal hat Eventcharakter."

Ab 21 Uhr verfliegt die Müdigkeit wieder

Sozialgeopraphie-Diplomandin Silke Dankwort und Maschinenbau-Student Andreas Abröll gehen dagegen aus rein praktischen Gründen abends in die Staatsbibliothek. "Tagsüber lerne ich im Historicum der LMU, weil man in der Stabi kaum einen Platz kriegt", sagt Abröll. Doch die Bibliothek im Historicum schließt um 19.45 Uhr. "Außerdem werde ich ab neun wieder fit", ergänzt Dankwort.

LMU-Bibliotheksdirektor Günter Heischmann kann indes von längeren Öffnungszeiten nur träumen: "Die Mittel dafür sind nicht da." Noch nicht: Heischmann hofft darauf, dass ein Teil der Studiengebühren ab 2007 auch an der LMU längere Öffnungszeiten ermöglicht.

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