Liebesspiel im Schneckentempo

- Wenn die Hormone schießen, fängt selbst ein Tigerschnegel an zu rasen. "Die jagen sich wie die Eichhörnchen, nur halt im Schneckentempo", schildert Professor Gerhard Haszprunar das Liebesspiel von Limax maximus. Doch dann wird es erst "richtig spektakulär", wie der Zoologe sagt. Ist sich das Mollusken-Paar zugetan, seilen sich die heimischen Nacktschnecken an einem Schleimfaden ab. In luftiger Höhe entfalten dann beide -denn Schnecken sind Zwitter - ihre Begattungsorgane von vier Zentimetern Länge. Für ein gut zehn Zentimeter großes Tier recht beachtlich.

"Das ist noch gar nichts", meint dagegen Haszprunar, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität. Von den Schnegeln auf Korsika ist er ganz andere Größen gewöhnt. "Der längste Penis war 92 Zentimeter", sagt er. Gemessen hat diesen - und noch Dutzende andere - allerdings nicht Haszprunar selbst, sondern der Freilandsystematiker Gerhard Falkner. Er gehört wie der LMU-Professor zu einem kleinen Team, das seit zwei Jahren im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf der Mittelmeerinsel die Molluskenfauna untersucht.

Auf Korsika entdecken die Zoologen neue Arten

In den feuchten Tälern Korsikas haben seltene Arten der Gattung Limax Refugien gefunden. Getrennt durch schneckenfeindlich trockene Bergrücken, sind dort viele verschiedene Arten entstanden. Die amourösen Extravaganzen der Schnegel sind daran nicht unschuldig. "Arten erkennt man daran, ob die Tiere noch miteinander können oder nicht", sagt Haszprunar. Ist die Paarung kompliziert, reicht schon eine kleine Veränderung - und nichts geht mehr.

Die Münchner Zoologen sammeln Exemplare der faszinierenden Schleimer und bringen sie nach München. Hier züchten sie die Tiere, analysieren ihre Gene, erstellen anhand dieser Stammbäume der Arten und decken so entscheidende Ereignisse der korsischen Schnegelgeschichte auf. Zum Beispiel, dass es zwei Limax-Einwanderungen gab. Ahnen der Schnegel haben die Zoologen in der Toskana aufgespürt. Jetzt wollen sie in den Pyrenäen auf die Suche gehen.

Ein wichtiger Schritt ist dann die Beschreibung der Arten. Denn Tierschutz-Gesetze gelten nicht für Namenlose. "Was nicht beschrieben ist, fällt durch das juristische Raster", sagt Haszprunar. Dabei hätten die Schnegel Schutz dringend nötig. Zum Leben brauchen sie Urwälder mit Flaumeichen und Buchen. Doch die sind selten. Schon seit die Römer ihre Schiffe daraus bauten. Heute sind sie vor allem durch gelegte Waldbrände gefährdet. "In einem Naturschutzgebiet darf kein Hotel gebaut werden", erklärt Haszprunar. Ein Feuer _ und das Problem Naturschutz ist passee. In Spanien löschte ein Gesetz viele Brände noch vor dem Entstehen. Die Regierung entschied, dass nach einem Waldbrand grundsätzlich nicht gebaut werden darf. "Die Brände gingen um 80 Prozent zurück", sagt Haszprunar. Für seine Schnegel würde er sich das auch wünschen.

Doch zuallererst treibt die Mollusken-Liebhaber der Forschergeist. "Es geht ums Erkennen", sagt Haszprunar. Seine Augen strahlen. Grundlagenforschung gehört für ihn zur menschlichen Kultur.

Entdecker kann ein Schneckenforscher aber nicht nur auf Korsika sein. Auch der Tigerschnegel _ "ein Tier unbestreitbarer Schönheit und Eleganz", wie eine Broschüre von Falkner rühmt, ist ein lohnendes Forschungsobjekt. Denn die "Schnecke des Jahres 2005" hat vielleicht ein Geheimnis. "Beim Feuersalamander dachte man lange, es gäbe nur eine Art. Heute kennt man vier", sagt Haszprunar. Auch hinter dem Tigerschnegel könnten sich mehrere Arten verbergen.

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