Wo liegt der Mittelpunkt von Europa?

- Was machst du am 1. Mai? Um diese Frage ging es in einer Diskussion mit osteuropäischen Studenten.

<P>Michal Roszak, 23, Jurastudent aus Polen: "Mit Freunden will ich in München eine Party feiern - nach dem Motto: endlich in der EU!" </P><P>Robert Bayer, 27, Slowakei, schreibt gerade an seiner Dissertation über Richard Wagner: "Ich bleibe auch in Deutschland. Wahrscheinlich hänge ich die slowakische und die europäische Fahne aus dem Fenster. Aber die großen Feierlichkeiten finden ja in den Beitrittsländern statt. Das slowakische Sinfonie-Orchester übt schon Beethovens Neunte."<BR><BR>Krisztina Busa, 29, Ungarn, die schon seit 1996 in München lebt und hier im Ungarn-Institut arbeitet: "Wir werden im Stipendiatenverein Copernicus eine Feier organisieren."<BR><BR>Ieva Haas, 29, Lettland, studiert Sinologie und Interkulturelle Kommunikation: "In Lettland sieht es anders aus. Die Befürworter werden natürlich feiern, aber ich kann mir vorstellen, dass die EU-Skeptiker protestieren." Krisztina: "In Ungarn herrscht auch kein Hurra-Optimismus. Die junge Generation ist aber grundsätzlich positiv eingestellt. Sie wird von dem Beitritt auch am meisten profitieren."<BR><BR>Sprecht ihr in Eurem Freundeskreis oft über das Thema Europa? Michal: "Klar, aber nicht negativ. Meine Freunde waren ohnehin alle für den Beitritt - wir hatten am Ende eher Angst, dass es nicht klappen könnte." Darius Cerniauskas, 25, Student der Kommunikationswissenschaft aus Litauen: "Man muss aber auch sagen, dass es von den Leuten und ihrem Wissensstand über Europa abhängt, ob darüber diskutiert wird." Michal: "Stimmt. In Polen kennen sich nur wenige mit dem Thema aus. Die Politik hat versäumt, der Bevölkerung klarzumachen, was der Beitritt für sie eigentlich im positiven Sinn bedeutet." <BR><BR>Wie stark ist denn der Einfluss der westlichen Kultur auf die Beitrittsländer aus Osteuropa? Michal: "Sehr stark. Polen hat sich total dem Westen zugewandt." Krisztina: "Und dann die ganzen Hollywood-Filme, die man sich anschaut." Darius: "Naja, die totale Verwestlichung gibt es noch nicht. Ich finde die russische Sprache noch immer sehr schön. Ich liebe russische Musik und Literatur!" Michal: "Aber nur, weil es für uns keinen Zwang mehr gibt, Russisch toll zu finden."<BR><BR>Robert: "Ich habe ein bisschen Angst vor der totalen Amerikanisierung unserer Kultur. Wenn man vom Westen spricht, meint man doch immer die USA." Krisztina: "Da haben wir Glück. Die ungarische Sprache ist so weit weg vom Englischen, übrigens auch vom Deutschen, dass es bei uns kaum Anglizismen im Wortschatz gibt." Robert: "Die kulturellen Unterschiede zwischen den West- und Osteuropäern, zum Beispiel, dass die Deutschen viel verschlossener sind als die Slowaken, werden auch bleiben." Krisztina (lacht): "Stimmt, das Formelle an den Deutschen ist mir sofort aufgefallen, als ich neu hier war." <BR><BR>Robert: "Aber ich finde, man sollte den kulturellen Austausch nicht immer so einseitig sehen. Klar, die Osteuropäer werden noch mehr im Westen studieren. Aber die Westeuropäer werden ja auch in den Osten kommen und unsere Kultur erleben. Überhaupt mag ich diese Unterscheidung Ost und West nicht. Die Slowakei ist schließlich in der Mitte Europas." Darius: "Nee, der Mittelpunkt Europas liegt in Litauen - das wurde mal ausgemessen." Michal: "Glaube ich nicht. Vom Gefühl her würde ich sagen, die Mitte Europas ist in Polen."<BR><BR>Gibt es hier Vorurteile gegenüber osteuropäischen Studenten? Krisztina: "Nee, an der Uni sind solche Klischees kein Thema." Darius: "Ist mir auch noch nie passiert. Die meisten Kommilitonen fragen eher, wo Litauen liegt." <BR></P>

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