Ein Loch im Zahn als Fenster zur Welt

- Menschen sind Augenwesen und die Hornhaut ist ihr Fenster zur Welt. Trübt sich die Hornhaut durch Infektionen, Verletzungen, angeborene Krankheiten oder den natürlichen Alterungsprozess ein, schwindet das Sehvermögen, Blindheit droht. Nach Angaben der WHO erblinden jährlich weltweit 38 Millionen Menschen, jeder Vierte aufgrund einer trüb gewordenen Hornhaut.

<P>Schon vor über 200 Jahren hingen Ärzte der Idee nach, eine trübe Hornhaut durch Glas zu ersetzen. Spätere Generationen experimentierten mit durchsichtigem Zelluloid. </P><P>Die erste Hornhauttransplantation, durchgeführt vor genau 100 Jahren von Eduard Konrad Zirm in Olmütz, zeigte dann den Königsweg, Menschen vor Erblindung zu bewahren. In Deutschland könnte mit einer transplantierten Hornhaut jährlich rund 4500 Menschen geholfen werden. Doch stehen nur für ein Drittel von ihnen Spender-Hornhäute zur Verfügung. Und mit der Verfügbarkeit alleine ist es auch nicht getan: Manche Patienten stoßen das Spenderorgan ab, bei anderen ist das Auge so stark geschädigt, etwa verätzt, dass eine Transplantation unmöglich ist.<BR><BR>In solchen Fällen greifen Augenärzte seit Jahren auf Kunststoffimplantate zurück. Das direkte Einnähen der Kunststofflinsen hat sich aber nicht bewährt, unter anderem, weil die Hornhaut nicht durchblutet ist und kaum einwachsen kann. Also werden Umwege gesucht. <BR><BR>Der italienische Augenarzt B. Strampelli entwickelte eine Prothese, bei der ein Zahn verwendet wird. Der Methode werden gute Resultate bescheinigt. Die so genannte Osteo-Odonto-Keratoprothese (OOKP) ist aber ein langwieriges und aufwändiges Verfahren, das in Europa nur an den Uni-Kliniken Rom, Brighton, Salzburg und Homburg/Saar durchgeführt wird. <BR><BR>Oberarzt Dr. Konrad Wille von der Augenklinik in Homburg meint: "Die Methode mutet vielleicht seltsam an, aber sie hat die besten Langzeitergebnisse. Alles beginnt mit dem Ziehen eines Eck- oder Frontzahnes. Die Zahnwurzel wird gespalten und ein Loch hindurch gebohrt, in das ein Plexiglasstift als Linse eingepasst wird."<BR><BR>Um das Risiko einer Abstoßungsreaktion zu vermindern, muss die Prothese eine biologische Phase durchmachen. Dazu wird sie zunächst für drei Monate in einer Hauttasche am Unterlid eingenäht. Während dieser Zeit schützt entnommene Mundschleimhaut das Auge. Sie wird später das eingepflanzte Zahnmaterial versorgen.<BR><BR>Steht kein Zahn zur Verfügung, bedienen sich die Ärzte am Schienbeinknochen. "Bislang ist mit der Prothese aber kein hundertprozentiges Sehen möglich", betont der Mediziner auch. Das Auge sei blendempfindlich, und Mondlicht reiche zum Sehen nicht aus. Auch blieb bisher das Gesichtsfeld auf 30 Grad beschränkt. Diesen Wert konnte Hille durch Neuberechnungen von Größe und Form der Plexiglaslinse auf 80 Grad verbessern. Zeitungslesen und Reisen sind für Operierte damit kein Problem mehr. </P><P>Um nicht auf Zahn- und Knochenmaterial angewiesen zu sein, wird weltweit intensiv nach Ersatz für den Ersatz geforscht. In Homburg setzt man dazu gemeinsam mit dem Saarbrücker Leibniz-Institut für Neue Materialien auf das aus Korallen gewonnene Hydroxil-Apatit, das unter anderem auch bei Knochenersatz eine wichtige Rolle spielt. Klinik-Direktor Prof. Klaus Ruprecht: "Erste Ergebnisse lassen erwarten, dass die Keratoprothetik erst an ihrem viel versprechenden Anfang steht."<BR><BR>Das sieht auch Prof. Norbert Schrage vom Städtischen Klinikum Merheim so, der maßgeblich an der Entwicklung der so genannten Aachener Keratoprothese beteiligt war - einer Silikon-Linse, die, von einem Netz aus feinstem Polyvinylidenfluorid gehalten, aufs Auge transplantiert wird.<BR><BR>Langzeitergebnisse wie bei der OOKP stehen jedoch noch aus. Die Keratoprothese wird die Hornhautverpflanzung nicht ersetzen. Sie wird nur angewandt, wenn keine Hoffnung auf Sehverbesserung durch eine Hornhauttransplantation besteht, so Hille, der in elf Jahren 27 Patienten operiert hat und die Zahl derjenigen, die von der Methode profitieren könnten, auf 1000 schätzt. Die Voraussetzungen können an jedem Augenzentrum geprüft werden.<BR><BR>Lexikon aktuell<BR>Hornhautverpflanzung<BR>Übertragung einer Hornhaut von einem Spender auf einen Empfänger. Sie gehört heute zu den Routineeingriffen in der Augenheilkunde. Wenn die Hornhaut eines Menschen durch Entzündung, Unfall oder andere Erkrankungen nicht mehr durchsichtig ist, wird sie durch eine klare Hornhaut ersetzt (Keratoplastik). Doch es fehlt oft an geeigneten Spendern. </P><P>Osteo-Odonto-Keratoprothesenach Strampelli.<BR>Dünner optischer Zylinder, der sich bei der operativen Versorgung von schwersten Hornhautnarben bewährt hat. Doch ist das Gesichtsfeld der Patienten eingeschränkt: Die Größe des Zylinders ist durch den Durchmesser der verwendbaren Zahnwurzeln limitiert.</P>

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