Die Lügen der Wahrheitssucher

- Er war der Jungstar der Nano- Technologie, galt als Anwärter für den Nobelpreis: Mit 27 Jahren hatte Jan Hendrik Schön seinen Doktor in der Tasche. Fast wöchentlich publizierte er Fachartikel. Im Jahr 2000 wechselte er von der Uni Konstanz zu den Bell Laboratories des Konzerns Lucent Technologies in die USA - mit knapp 30 Jahren. Sogar zum jüngsten Direktor eines Max- Planck-Instituts sollte er ernannt werden - dann kam der Fall.

Der entscheidende Tipp kam von Kollegen. Für den Blick der Experten waren Schöns Messungen einfach zu genau, um wahr zu sein. Eine amerikanische Untersuchungskommission stellte fest, dass der junge Wissenschaftler Messdaten seiner Versuche gefälscht habe. Offenbar hatte er sogar bei verschiedenen Experimenten dieselben Messreihen verwendet. Wissenschafts-Journale wie "Science" und "Nature" zogen Schöns Artikel zurück.

Lucent Technologies entließ ihn fristlos, Preise und Ehrungen wurden ihm aberkannt. Der Name Schön steht für einen der größten Wissenschaftsskandale Deutschlands. Doch der Fall des Konstanzer Physikers ist nur einer in der Geschichte der großen Wissenschafts-Lügen. Die Aufregung um den einst gefeierten Stammzellen-Forscher Hwang Woo-suk wird bereits durch den nächsten Skandal abgelöst.

Der koreanische Klon-Papst ist als Fälscher entlarvt, jetzt lastet ein schwerer Verdacht auf dem norwegischen Krebsforscher Jon Sudbo. Im Herbst war in dem hoch angesehenen Fachjournal "The Lancet" eine Studie des Mitarbeiters des Radiumshospitals Oslo erschienen. Das Ergebnis: Bestimmte Schmerzmittel können bei Rauchern Mundhöhlenkrebs vorbeugen. Doch auch der Norweger wurde entlarvt. Offenbar hatte er seine 908 Probanten frei erfunden. Dabei war der Forscher bei seiner Erfindung seiner fiktiven Testpersonen nicht besonders kreativ. 250 hatten am selben Tag Geburtstag.

Die Fälle sind spektakulär. Doch sind sie wahrscheinlich nur die Spitze des Lügengebirges. Wissenschaftskritiker vermuten, dass der Glanz einer Vielzahl von Forschungs-Ergebnissen der freien Phantasie ihrer Autoren entsprungen ist oder diese die Messreihen zumindest kreativ geschönt haben. Ein weiteres deutsches Beispiel sind die Arbeiten des Zoophysiologen Heinz Breer aus Hohenheim. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, von der Breer 1998 einen hochdotierten Preis für Arbeiten über den Geruchssinn erhalten hatte, wirft dem Wissenschaftler jetzt "Datenmanipulation" und "technische Mängel" bei Experimenten vor. Eine direkte Fälschung konnte Breer nicht nachgewiesen werden.

Doch warum lügen die Wahrheitssucher? Die Wissenschaft ist heute ein heiß umkämpftes Feld, die Konkurrenz unter jungen Wissenschaftlern immer größer. Preise und Berufungen erringt nur, wer viele Artikel über Forschungserfolge veröffentlicht hat. Da geht Quantität dann oft über Qualität, so der Vorwurf. Doch Fälschung in der Wissenschaft ist nicht allein eine Auswirkung des modernen Wissenschaftsbetriebs.

Auch in früheren Jahrhunderten gab es Skandale. Aus dem 18. Jahrhundert stammt der Fall des Würzburger Arztes und Paläontologen Johannes Adam Beringer. Von ihm wurden Fossilien in die Naturaliensammlung der Universität aufgenommen. Diese jedoch waren keine Jahrmillionen, sondern erst wenige Wochen alt. Sie waren einfach mit der Hand in die Steine geritzt worden. Die Fälscher waren wahrscheinlich Mitarbeiter Beringers. Der Paläontologe verteidigte seine "Funde" jedoch eisern. Noch heute sind die "Beringerschen Lügensteine" ein Begriff in der Paläontologie.

Ein weiterer spektakulärer Fall stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Arbeiten des britischen Psychologen und Zwillingsforschers Cyril Ludowic Burt (1883-1971) kamen kurz nach dem Tod des Wissenschaftlers in Verruf. Er hatte nach eigenen Angaben 53 getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge befragt und die Ergebnisse für seine Forschungen ausgewertet. Das entspräche der Zahl aller von anderen Wissenschaftlern untersuchten Paare. Wie Burt diese gefunden haben sollte, erschien der Fachwelt schleierhaft. Man geht deshalb heute davon aus, dass Burt seine Ergebnisse entweder frei erfunden oder doch zumindest stark übertrieben hat.

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