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So sah sie aus, die erste E-Mail, die Deutschland erreichte. Universitätsprofessor Werner Zorn (66) war der Empfänger.

Vor 25 Jahren

Der Mann, der die erste E-Mail bekam

Ein Interview mit Universitätsprofessor Werner Zorn über die Anfänge und die Zukunft der Massenkommunikation

Ein kurzes „Pling“, dann erschien sie auf dem Schirm: die erste E-Mail, die Deutschland erreichte. Es war der 2. August 1984. Werner Zorn , heute Universitätsprofessor im Ruhestand, saß am Computer in der Uni Karlsruhe – und las den Begrüßungstext mit seinen zwei kleinen Rechtschreibfehlern: „Wilkomen in CSNET“; CSNET ist ein US-amerikanisches Wissenschaftsnetz. Die elektronische Post kam direkt aus den Staaten. „Ich habe mich kurz gefreut – und mich dann sofort gefragt: ,What next?‘“, sagt Zorn. Was als Nächstes kam, war ein neues Zeitalter der Kommunikation. An diesem Sonntag wird die E-Mail 25 Jahre alt.

-Sie haben sich „kurz gefreut“, als die E-Mail ankam? Klingt fast ein bisschen emotionslos – Sie haben doch ein Jahr auf diesen Moment gewartet?
Ich wusste nicht, an welchem Tag die E-Mail ankommen würde. An diesem 2. August war sie plötzlich in meiner Mailbox – und als Wissenschaftler denkt man sofort: Wie geht es weiter? Von der Idee bis zum Zeitpunkt, als die E-Mail gesendet wurde, waren zwölf Monate vergangen. Wir mussten in Deutschland das Projekt beantragen, wir mussten in den USA innerhalb des CSNETs einen geeigneten Partner finden – und dann mussten wir alles noch technisch und administrativ hinbekommen. So gesehen ist ein Jahr nicht lang.

-Konnten Sie denn die E-Mail einfach so öffnen?
Ja, das war nicht viel anders als heute. Es gab 1984 schon lokale Netze, über die elektronische Nachrichten verschickt wurden – und auch Werkzeuge, um mit den Mails zu hantieren. Die gleichen Werkzeuge haben wir benutzt, um die erste Mail zu öffnen, die über eine externe Verbindung kam.

-Hatte die E-Mail schon eine richtige Adresse?
Meine Adresse lautete damals zorn@germany. Das de gab es noch nicht, das war ja noch die Vor-Domain-Zeit...

Werner Zorn, der „Gründungsvater des deutschen Internets“, bekam für seine Pionierdienste 2006 das Bundesverdienstkreuz.

-Es ging ja auch alles noch ein bisschen langsamer damals?
Die reine Übertragungszeit dieser ersten Mail lag bei einer Sekunde, aber in den 80ern funktionierte das blitzschnelle Übermitteln noch nicht. Sie müssen sich das so vorstellen wie auf einem Postamt: Da bringt man seinen Brief hin. Der Brief kommt zu den anderen Briefen, wird dann über verschiedene Stellen geleitet – bis er am Ende im Briefkasten des Empfängers landet. Wir hatten ja keine Standleitung in die USA , das wäre unbezahlbar gewesen. Also hat unser Rechner beim Postamt im Takt von zwei Stunden nachgefragt, ob in dem Postfach für Deutschland was drin ist. Und irgendwann war da eben die Mail.

-Aber ein Foto oder einen anderen Anhang hätten Sie nicht empfangen können im August 1984?
Nein, das ging tatsächlich nicht. Die Texte hat man als Klartext an die Mail gehängt.

-Bis das Internet salonfähig wurde, dauerte es noch zehn Jahre. Was haben Sie bis dahin gemacht?
Das war eine Zeit, die mit sehr, sehr viel Arbeit verbunden war. Wir haben die Infrastruktur für diesen neuen Dienst aufgebaut, damit möglichst alle interessierten Universitäten und Institute in Deutschland einen Zugang bekommen. Drei Jahre später, also 1987, gelang uns eine Verbindung nach China. Es entstand ein Riesennetz an internationalen Kontakten – wir hingen ja auch bei den Amerikanern mit drin, die wiederum hatten in viele Länder einen Draht. Kurzum: Es war eine ganz andere Arbeitsweise. Aber natürlich wirkte es nach außen wie eine Exotenwissenschaft – ein Privatmann hatte im Grunde keinen Zugang, höchstens mal ein Hacker. Das Ganze war nur auf Forschungseinrichtungen beschränkt.

-Das änderte sich dann in den Neunzigern ...
Der Startschuss fiel schon 1989, da ging es los mit einer Standleitung in die USA . Es war der Anfang der klassischen Internetdienste – der erste Schritt zur Massenkommunikation. 1993 haben wir dann unser Uni-Projekt an die freie Wirtschaft übergeben. Es hat sich ein großer Markt abgezeichnet. Man konnte damit gutes Geld verdienen. Aber das ist nicht der wissenschaftliche Anspruch. Uns ging es vorrangig um den Aufbau von Kommunikationsstrukturen. Heute gibt es kein Land mehr ohne Internet. Aber nicht in jedem Land können die Menschen uneingeschränkt online surfen – in Ländern wie Nordkorea, da unterbindet die Regierung das, aus politischen Gründen.

-Und jetzt sind wir am Ende der Entwicklung?
Noch lange nicht! Schon heute werden Milliarden von E-Mails weltweit verschickt – wobei schätzungsweise rund 90 Prozent unnütze Werbung und Spam sind. Was aber erschöpft ist, das sind die ip-Adressen, sozusagen die Telefonnummern, die zur Verfügung stehen, damit die einzelnen Rechner miteinander in Verbindung treten. Aber: Jetzt kommt der neue Standard, IPv6 heißt das in der Fachsprache. Damit können sie zum Sankt-Nimmerleins-Tag addressieren. Ihr Autoschlüssel zum Bespiel bekommt einen Sensor, der eine eigene ip-Adresse hat. Dann genügt ein Knopfdruck auf dem Handy – und der Schlüssel piept. Das können sie mit jeder Sache machen, mit Büchern, Vasen – allem.

-Das finden Sie gut?
Es ist spannend. Damit ist zum Beispiel in einem Kaufhaus Inventur auf Knopfdruck möglich – Sie müssen ja nur die einzelnen Waren mit Sensoren versehen.

-Da werden einige ihre Jobs verlieren – und die zwischenmenschliche Kommunikation bleibt noch mehr auf der Strecke?
Ich gebe zu, dass man im Zeitalter von E-Mails kaum noch persönliche Briefe schreibt und sich den ein oder anderen Anruf schenkt. Aber es ist ja kaum zeitgemäß auf alten Strukturen zu beharren, wenn sich die Welt weiter entwickelt. Es gibt immer ein Riesengeschrei, wenn man etwas ändern möchte – und oft können ältere Arbeitnehmer mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt halten. Aber soll man deswegen stagnieren? Es müssen dann neue Strukturen wachsen.

Interview: Barbara Nazarewska

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