Kurioses Experiment mit großer Wirkung

Mann las zwei Jahre keine WhatsApp-Nachrichten mehr

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Hallbergmoos – "Es kann doch nicht sein, dass ich von so einem kleinen Gerät abhängig bin", sagte sich Vincent Fries - und beschloss, WhatsApp nicht mehr zu nutzen. Das sagt er über seine Abstinenz. 

Vincent Fries, 35, schaut auf sein Handy. Er schaut, was bei WhatsApp so los ist. Antwort: die Hölle.

Der Mediengestalter und DJ aus Hallbergmoos, Kreis Freising, hat über 1800 ungelesene Nachrichten. Aber das ist nur eine Schätzung, vielleicht sind es auch mehr, sein Iphone ist grad überfordert. Denn Vincent Fries hat vor über zwei Jahren etwas gemacht, was sonst keiner macht: Er hat aufgehört, seine dutzenden WhatsApp-Nachrichten, die er jeden Tag bekommen hat, zu lesen. Er hat aufgehört, alle paar Minuten auf sein Handy zu schauen. Heute, genau jetzt, ist sein Experiment vorbei.

Ein Experiment, das vielleicht nicht so weltbewegend klingt wie Walrosse in der Antarktis retten oder den Klimawandel aufhalten. Aber natürlich ist es ein Experiment, das an den Grundfesten unserer Zivilisation anno 2016 rüttelt. Der heutige Mensch ist, was er simst, postet und liked.

Schätzungsweise 30 Minuten Lebenszeit pro Tag gespart

Manche sind neuerdings so abhängig von Akku und WLan wie andere höchstens von Chips und Eiscreme. Das Smartphone ist eine der schlauesten Erfindungen der letzte Jahrzehnte, aber manchmal auch eine giftige Schlange. Vincent Fries sagt: „Es kann doch nicht sein, dass ich von so einem kleinen Gerät abhängig bin.“

Deswegen hat er aufgehört, bei jedem Vibrieren nach dem Handy zu greifen. Er schätzt, dass er damit jeden Tag 30 Minuten Lebenszeit gespart hat, Minimum. Eine kurze Rechnung: 30 Minuten mal zwei Jahre macht über 15 Tage. Das ist die eine Seite: Man hat plötzlich Zeit. Die andere Seite: Man erzieht seine Freunde. Diese WhatsApp- und SMS-Verschickerei nimmt oft dramatische Ausmaße an. Es werden Hunde-Bildchen rumgeschickt. Man ist in Jungesellenabschieds-Gruppen gefangen. Andauernd schreibt irgendwer irgendwas, andauernd erwartet irgendjemand eine Antwort. „Was mich gewaltig stört“, sagt Fries, „ist diese allgegenwärtige Unverbindlichkeit.“ Lass uns mal hin- und herschreiben, ob wir in den Biergarten gehen. So läuft das heute. Es wird unendlich viel per Smartphone geplappert, aber viel weniger entschieden. Es werden weniger Termine und romantische Abendessen ausgemacht, so sieht das Vincent Fries. Es wird aber andauernd davon gesprochen, was auszumachen.

Weniger Erreichbarkeit, mehr Kreativität

Sein Handy lädt noch immer. Nichts geht. „Wahrscheinlich hab’ ich 80 Heiratsanträge per WhatsApp bekommen“, sagt Vincent Fries, der mal Deutscher Meister im Platten-Auflegen war und sogar Europameister und Vize-Weltmeister. Das mit den Heiratsanträgen war natürlich ein Scherz. Aber sein Fazit nach über zwei Jahren Abstinenz: Weniger Erreichbarkeit hat zu mehr Kreativität geführt. Er konnte im Studio ruhiger an seiner Musik arbeiten, konzentrierter. Er fühlte sich weniger getrieben. Manchmal hat er seine Freunde einfach angerufen, wenn er gesehen hat, dass sie eine Nachricht geschickt haben. Manche haben verdutzt abgenommen: „Vincent, warum rufst du an? Ich hab’ dir doch grad eine Whats-App geschickt.“ Seine Antwort: „Deswegen.“

Vincent Fries glaubt nicht, dass er in den letzten zwei Jahren auch nur irgendwas Relevantes verpasst hat. Aber wenn dieses blöde Handy mal aufhören würde zu laden, dann würde er doch ganz gerne nachlesen, was in den 1800 Whats-App-Nachrichten steht, die er verpasst hat. Aus Neugierde. Und vielleicht auch, um seinen Freunden zu sagen, dass er ab heute wieder dabei ist. Im virtuellen, niemals endenden Nachrichtenstrudel.

Warum WhatsApp unsere Verabredungen so nervig macht

"Kann's noch nicht sicher sagen" oder "Sorry, schaff's jetzt doch nicht", solche und ähnliche Sätze trudeln immer öfter über WhatsApp ein, wenn es um Verabredungen geht. Können oder wollen wir uns nicht mehr festlegen? Woher kommt der neue Trend zum „Jein“?

Video: So funktioniert die neue WhatsApp-Verschlüsselung

Die neue Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bedeutet, dass ab sofort Nachrichten, Bilder und Videos die über WhatsApp verschickt werden, geschützt sind. Sie können nur noch vom Sender und Empfänger gelesen werden, sonst von niemandem.

Rubriklistenbild: © O. Bodmer

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