Medizin auf dem Dach der Welt

HNO-Arzt auf Bergtour: - Klaus Mees steckt im höchsten Stau der Erde. Vor ihm sind acht Kletterer, sein Sauerstoffvorrat neigt sich dem Ende zu. Lächerliche 50 Höhenmeter fehlen dem HNO-Arzt zum Gipfel des Mount Everest. Es ist sein dritter Anlauf innerhalb von drei Jahren auf den 8850 Meter hohen Berg. Zwei Mal hat dem Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität bereits das Wetter einen Strich durch die letzten Höhenmeter gemacht.

Diesmal soll er wegen eines Touristenstaus aufgeben? Doch Mees entscheidet sich umzukehren. "Nicht um jeden Preis möchte ich die letzten 50 Meter aufsteigen", schreibt der Münchner in einem Reisebericht. "Natürlich ist das im Anblick des Gipfels extrem schwer", sagt er.

In der Höhenluft steigt der Druck im Hirn

Erst vergangene Woche ist Mees von einer weiteren Höhenexpedition aus Argentinien zurückgekehrt: vom höchsten Berg Amerikas, dem Aconcagua. Bis auf den Meter genau kann der 59-Jährige die Höhe nennen: 6962 Meter. Seine Leidenschaft hat er sich zum Beruf gemacht. Mees untersucht bei den Bergexpeditionen das Höhenhirnödem, eine Ansammlung von Flüssigkeit, die in der Hälfte der Fälle tödlich endet.

Mees war aufgefallen, dass Höhenkranke tiefe Töne schlecht hören. Der Mediziner vermutet, dass der hohe Druck im Kopf die Ursache ist. Er drückt auf das Innenohr. Da dieser messbar ist, könnten Patienten mit Schädel-Hirnschwellungen oder Wasserkopf davon profitieren. Bis jetzt muss der Druck in ihren Köpfen durch ein Bohrloch gemessen werden. "Wir testen gerade, ob Menschen mit einem erhöhten Schädel-Innendruck auch diese Hörstörung haben", sagt Mees.

Wenn er recht behält, könnte in Zukunft auf die schmerzhaften Bohrlöcher im Kopf verzichtet werden. Eine Messung im Gehörgang würde ausreichen.

In einem zweiten Forschungsprojekt untersucht Mees die Atmung in extremen Höhen. Ein Zeltnachbar hatte ihn eines Nachts im Basislager des Everest besorgt geweckt, da er fast eine halbe Minute lang nicht geatmet hatte. "Solche Schlaf-Apnoen sind in extremen Höhen häufiger", sagt Mees. Er möchte herausfinden, wie stark der Sauerstoff-Gehalt im Blut dabei abnimmt. Auch den Einfluss der Höhenanpassung, über die er beim Bruckmann Verlag ein Buch geschrieben hat, untersucht Mees.

Für seine Messungen muss sich Mees auf den Expeditionen am ganzen Körper verkabeln. Auch sei das Bergsteigen meist "alles andere als romantisch". Der Blick vom Gipfel und das Gefühl, einen Kampf gewonnen zu haben, entschädigen Mees jedoch jedes Mal für die Strapazen.

Im Nachhinein ist der Mediziner auch froh über seine Umkehr vor dem Gipfel des Mount Everest. Hätte er länger gewartet, bis die ungeübten Kletterer vor ihm die Wand erklommen hätten, er hätte sein Leben riskiert. Der Vorrat in seiner Sauerstoffflasche wäre aufgebraucht, seine Zehen vom langen Warten erfroren gewesen. "Viele überschätzen ihre Grenzen an so einem Berg und laufen in die Falle", sagt Mees.

Der Mount Everest hat schon viele Leben gefordert

Steinhaufen um den Gipfel zeugen von den vielen Leben, die der Berg forderte. Mees zeigt ein Foto von einer Grabinschrift am Everest, die ihm gut gefällt. Einen kanadischen Kollegen, ebenfalls Höhenmediziner, hat es 2005 dort erwischt: "Immer hoch hinaus", steht auf der Tafel. "Mit dem Mount Everest habe ich abgeschlossen", sagt Mees in seinem Büro im Klinikum Großhadern und blickt doch sehnsüchtig in das Schneetreiben hinaus.

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