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Medizin aus dem Meer

- Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen taucht die Wissenschaft jetzt sogar ins Meer. Denn die Lebewesen der See haben es in sich. Sie produzieren Stoffe, aus denen sich Medikamente herstellen lassen. Im Kompetenzzentrum BIOTECmarin haben Forscher aus Kiel, Würzburg und Mainz eine Substanz aus einem Pilz gewonnen, die Leukämiezellen am Wachsen hindert.

Der Mikrobiologe Professor Johannes Imhoff, Leiter des Kieler Zentrums für Marine Wirkstoffe am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR), spricht über die Medizin aus dem Meer.

Herr Professor Imhoff, was macht Meeresorganismen für Sie als Biologe so interessant?

Imhoff: Das Leben im Meer ist wahrscheinlich sehr viel älter als das auf dem Festland. Dadurch ist die Vielfalt der Lebewesen im Wasser besonders groß und damit auch die Strategien, die sie zum Überleben entwickelt haben. Der Erfindungsreichtum der Meeresbewohner ist also ungeheuer groß.

Seit einigen Jahren sucht man nun verstärkt nach Wirkstoffen von Meeresorganismen, die man in der Medizin einsetzen kann. Was hoffen Sie zu finden?

Imhoff: Im Meerwasser vermitteln chemische Stoffe Signale zwischen Lebewesen. Zudem verteidigen sich viele festsitzende Organismen, wie Schwämme oder Algen, gegen ihre Feinde, indem sie chemische Waffen entwickeln, meist sind das Antibiotika. Da erstaunt es nicht, dass wir hier eine Fundgrube von unbekannten Substanzen vor uns haben.

Wie stellen die Organismen die Wirkstoffe her?

Imhoff: In den Lebewesen, wie Schwämmen, Mantel- oder Moostierchen, leben Mikroorganismen zusammen mit den Tieren. Sie stellen die Stoffe her. Das scheint eine Art Symbiose zu sein. Die Mikroorganismen stellen Substanzen zum Wohle der Tiere her. Bisher weiß man sehr wenig über dieses Zusammenleben.

Im Kompetenzzentrum BIOTECmarin hat man nun eine Substanz in einem Pilz entdeckt, die das Wachstum von Leukämiezellen hemmt. Wie findet man so einen Wirkstoff?

Imhoff: Wir untersuchen in unseren Labors in Kiel zurzeit etwa 10 000 verschiedene Mikroorganismen, Pilze und Bakterien. Wenn wir einen viel versprechenden Stoff gefunden haben, dann testen wir die Wirkung zum Beispiel an Pilz- oder Tumorzellen.

Um die Stoffe gegen Krankheiten einzusetzen, braucht man große Mengen an Organismen. Kann das Meer diese Biomasse überhaupt zur Verfügung stellen?

Imhoff: Nein, das Meer liefert von vielen bekannten Substanzen nicht die nötigen Mengen. Die Organismen müssten im Tonnenmaßstab entnommen werden, um nur wenige Gramm davon zu gewinnen. Das würde die Ökosysteme im Meer schwer beschädigen. Das ist aber auch nicht nötig. Uns reicht ein einzelner Schwamm oder ein Stück einer Koralle, um die Organismen zu gewinnen, auf die es uns ankommt. Wir züchten sie dann im Labor. Das ist also sehr umweltschonend.

Kann ich in der Apotheke schon Medikamente aus dem Meer kaufen?

Imhoff: Zum Beispiel ein Medikament mit einer Substanz, die eine Kegelschnecke aus dem Meer entwickelt hat. Die Schnecke hat zum Fangen von Beutetieren einen Cocktail aus Peptiden erfunden, der diese Tiere sehr rasch lähmt. Eines dieser Peptide wird jetzt als sehr wirksames Schmerzmittel eingesetzt.

Wie wahrscheinlich ist es, aus dem Meer noch weitere Arzneien zu gewinnen?

Imhoff: Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren noch viel Neues aus dem Meer zu erwarten haben. Das gesamte Spektrum an Stoffen können wir heute noch gar nicht abschätzen. Viele Medikamente, die Wirkstoffe aus dem Meer enthalten, sind bereits in der Entwicklung und könnten in den nächsten fünf bis zehn Jahren zum Einsatz kommen.

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