Mehlwürmer haben Hausverbot

- Christine Hikel ist die mit den Klebezetteln am Schrank. Zitate von Ernst Jünger oder Oswald Spengler stehen drauf. Sätze, die der 26-jährigen Historikerin aufgefallen sind und die sie witzig findet. Zum Beispiel: "Kuss ist Glück, Zeugung Wolllust, Gott gab sie dem Wurme" aus Thomas Manns "Lotte in Weimar".

So absurd das Zitat klingt - Christine weiß aus eigener WG-Erfahrung, dass etwas dran ist: Mehlwürmer etwa vermehren sich unwahrscheinlich schnell. Dieses Problem, vor Jahren akut, ist längst gelöst. Hikels Wohngemeinschaft an der Lerchenauer Straße dürfte zu den saubersten der Stadt zählen.

Alte Klischees von vermüllten Studentenbuden, in denen Hygiene ein Fremdwort ist, rutschen im Flur, an dem neben Hikel Kinga Barwitzki, Thomas Feistl und Thomas Ling - alle 21 Jahre alt - wohnen, auf dem blitzblanken Holzboden aus. Mimi Baumstark, angehende Tierärztin, lebt auch noch hier, ebenso ihr tauber Mischling Ronja. Mitbewohner Fünf und Sechs weilen gerade zur "Sommerfrische", wie die anderen sagen.

Eine ausgeprägte Vorliebe für Sauberkeit teilen alle Bewohner: Kommt Besuch aus einer anderen WG, folgt ein erstaunter Kommentar auf dem Fuß. Gehen umgekehrt Lerchenau-Studenten anderswo hin, schütteln sie manchmal über den dortigen Siff den Kopf.

"Die nervigsten Mitbewohner sind die, die Arbeit machen", sagt Hikel. Und erzählt von der Ex-WG-Genossin, die in ihrem Zimmer Mehlwürmer "züchtete" und in der Küche entsorgte. Als sie das zweistöckige Haus, in dem unten passenderweise eine Gebäudereinigungsfirma residiert, verließ, hinterlegte sie einen Zettel. Kein Zitat, sondern ein Alarm. Die anderen durften schrubben.

So etwas kommt jetzt nicht mehr vor. Das Prinzip "die niedrigste Ekelschwelle verliert" ist ausgeschaltet, auch wenn manch einer einiges zu lernen hatte. "Ich spüle jetzt jeden Abend ab." Maschinenbau-Student Ling, "der kleine Thomas", blickt treuherzig zur Spüle, als er das sagt. Früher, bei seinen Eltern in Rosenheim, brauchte er im Haushalt nichts zu tun. Gibt er offen zu. Teller einfach stehen lassen? Ist nicht mehr. Das haben ihm seine Mitbewohner schnell beigebracht, seit er im Oktober einzog. Ist eine WG auch eine Erziehungsanstalt? "Alles Selbstrettung", lacht Hikel.

"WG bildet" lautet das Motto der Fünf

Ling ist der, auf dessen Fensterbrett Ferrari-Modelle stehen und der gerne Formel 1 und Fußball schaut. Was die Mädels, an deren Toilettentüre ein Poster mit pastellfarbenen Zuckerherzchen hängt, kaum nachvollziehen können. Unterschiedliche Temperamente und Interessen wohnen hier zusammen. Deshalb kumpelt nicht jeder mit jedem. Aber die Bewohner profitieren voneinander, gerade weil sie so verschieden gepolt sind. Barwitzki studiert Sprachheilpädagogik, Feistl Meteorologie. "WG bildet", lautet das Motto.

Für diese Art der Bildung zahlen die Studenten unterschiedliche Preise - um die 300 Euro - für die zwölf bis 15 Quadratmeter großen Zimmer. Einen Gemeinschaftsraum gibt es nicht, also auch keine großen Partys. Man trifft sich beim Spaghetti-Kochen in der kleinen Küche. Dort fletscht Ratte "Kevin" auf einem Foto die Zähne. Von einem Geburtstagskalender aus der Frühgeschichte der WG, die vor zehn Jahren von damaligen Studenten gegründet wurde.

Die zielstrebigen Fünf von Heute haben sich durch die Bank an den Lärm von der Schnellstraße gewöhnt. Ebenso daran, dass die Tische wackeln, wenn ein Güterzug vorbeirauscht. Ansonsten genießen sie die Nähe zweier Seen und des Olympiaparks. Auch Schwabing ist nicht weit. Steht ein Mitbewohnerwechsel an, spüren sie schnell, wer passt und wer nicht. Im Zweifel gibt es ein Veto-Recht: Findet etwa Christine den "coolen Bernd" nicht so toll wie Kinga und Mimi, zieht er nicht ein.

Der nächste Umzug steht im Herbst an: Christine Hikel braucht Abwechslung. Sie zieht samt Pickerln nach Schwabing und schreibt weiter an ihrer Doktorarbeit über die Rezeptionsgeschichte der "Weißen Rose".

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