Mensch gegen Mikrobe

- Es ist ein ungleiches Wettrüsten: Auf der einen Seite stehen Milliarden gefährliche Erreger. Ständig finden sie neue Tricks, um sich den Waffen der Medizin zu entziehen. Auf der anderen Seite kämpfen wenige Forscher, die kaum neue Mittel gegen die tödlichen Mikroben finden: Immer mehr Bakterien werden widerstandsfähig gegen die einstigen Wunderwaffen, die Antibiotika.

Was lange vermutet wurde, haben Forscher aus Belgien jetzt erstmals nachgewiesen: Schuld ist unter anderem, dass zu viele Antibiotika eingenommen werden (siehe Kasten). Resistente Erreger werden dadurch geradezu gezüchtet.

Die Hälfte aller Antibiotika wird unnötig eingenommen

Gegen Erkältungsviren helfen Antibiotika nicht. Dennoch werden sie oft verschrieben. Das bestätigt auch Professor Thomas Miethke, Mikrobiologe am Klinikum rechts der Isar. Er schätzt, dass die Hälfte aller Antibiotika unnötig eingenommen werden. Bei Infektionen der oberen Atemwege seien es sogar drei Viertel.

Doch wieso fördern gerade die Bakterien-Killer, dass resistente Erreger entstehen? Für die herkömmlichen Bakterien-Stämme in unserem Körper sind Antibiotika tödlich. Doch schleichen sich im Laufe der Zeit ins Erbgut der Erreger Fehler ein, darunter auch solche, die gegen das Antibiotikum immun machen. Die veränderten Bakterien überleben die Behandlung und können sich prächtig vermehren. Denn das Antibiotikum hat ihre Konkurrenten beseitigt.

Gefürchtet ist vor allem ein Keim namens MRSA, der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Das kugelförmige Bakterium kommt überall in der Natur vor. Bei vielen Menschen lebt es unbemerkt auf der Haut oder in der Nase. MRSA ist mindestens gegen eine Sorte Antibiotika immun, die Beta-Lactam-Antibiotika. Dazu gehört neben dem Penicillin auch das Methicillin. Der Keim wird daher als multi-resistent bezeichnet. Oft sind MRSA auch gegen andere Antibiotika-Gruppen unempfindlich.

Ist das Immunsystem geschwächt, haben die ansonsten harmlosen MRSA eine Chance, sich im Körper auszubreiten. Es kommt zu Entzündungen, die nicht selten tödlich enden. Professor Miethke hat so einen Fall erlebt: "Der Mann war schon älter und musste im Bauch operiert werden", erzählt er. Dabei infizierte er sich. In Deutschland kein seltener Fall. "In Krankenhäusern liegt die MRSA-Rate bei etwa 20 Prozent", sagt Miethke. Das heißt, jeder fünfte untersuchte Staphylococcus aureus ist multi-resistent.

Der Patient überlebte die Entzündung, die ein Loch in seinen Magen fraß, nicht. "Das ist selten", versichert Miethke, nicht ohne hinzuzufügen: "Das nimmt aber in letzter Zeit stetig zu."

Wie schlimm die Situation bereits ist, soll ein EU-Projekt in Freiburg namens Burden (Burden of resistance and disease in European nations) klären. Es will europaweit die Kosten ermitteln, die durch Infektionen mit resistenten Keimen entstehen. Professor Uwe Frank, Koordinator des 1,8 Millionen Euro-Projektes, sagt: "Wir werden vor allem Daten in etwa 200 Intensivstationen sammeln." Denn die Resistenzen entstehen vor allem dort, wo Antibiotika gegeben werden.

Die Kliniken versuchen zu verhindern, dass sich die Keime ausbreiten. Uwe Frank will die verschiedenen Strategien der europäischen Länder im Kampf gegen die Keime analysieren. In Holland verfolgt man eine strikte Isolationspolitik. Bei jedem neuen Patienten macht die Klinik einen Nasenabstrich. Finden sich dort resistente Keime, wird der Patient in ein extra Zimmer gelegt.

Eine völlig sterile Klinik gibt es nicht

Miethke hält das holländische Modell trotz seines Erfolgs ­ die MRSA-Rate liegt weit unter der Deutschlands ­ nicht für nachahmenswert. "Es gibt psychologische Barriere, wenn der Patient so isoliert ist: Das Personal geht nicht so gern in ein solches Zimmer." Viele Patienten würden regelrecht verkümmern.

Frank will mit seinem Projekt die Politiker wachrütteln. "Wir brauchen ein vernünftiges Behandlungsprogramm für Antibiotika", fordert er. "Nur so können wir das Wettrüsten mit den Bakterien durchbrechen."

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