Der Mensch ist noch nicht lange Kind

- Der Mensch weist gegenüber allen anderen Primaten eine Besonderheit auf: Sein Nachwuchs durchlebt eine ausgeprägte Kindheit und Jugend. Das Gehirn eines Kindes wächst noch bis zum zehnten Lebensjahr. Doch das war in der Menschheitsgeschichte nicht immer so.

Bei unserem direkten Vorfahren, dem Homo erectus, der sich vor etwa zwei Millionen Jahren entwickelte, war das Gehirnwachstum schon bald nach der Geburt abgeschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls das Team um Professor Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.<BR><BR>Die Anthropologen haben den bisher einzigen, etwa 1,8 Millionen Jahre alten Kinderschädel unseres direkten Vorfahrens Homo erectus unter die Lupe genommen. Dieser Schädel des so genannten Mojokerto-Kindes wurde im Jahr 1936 in der gleichnamigen Region auf Java in Indonesien entdeckt.<BR><BR>Der Fund war ein ausgesprochener Glücksfall, denn was das Gehirnwachstum unserer Vorfahren angeht, sind noch viele Fragen offen. Wie verhielt es sich beim Homo erectus? Wuchs sein Gehirn noch weit über seine Geburt hinaus, wie es heute beim modernen Menschen der Fall ist?<BR><BR>Bisher war es unter den Paläoanthropologen umstritten, wann sich in der etwa sechs Millionen Jahre währenden Evolution des Menschen das lange Gehirnwachstum nach der Geburt (die Fachleute nennen es sekundäre Altrizialität) entwickelt hat.<BR><BR>Licht ins Dunkel hat nun der Mojokerto-Schädel des Homo erectus-Kindes gebracht. Mit Hilfe der Computertomographie (CT) haben Hublin und sein Team ein virtuelles Modell des Schädels angefertigt lassen und daran das Gehirnvolumen bestimmt.<BR><BR>Anhand der Schädelstrukturen fanden die Forscher heraus, dass das Kleinkind bei seinem Tod nicht älter als ein Jahr gewesen war und schon über ein Gehirnvolumen von 84 Prozent eines ausgewachsenen Homo erectus verfügte. Die Forscher verglichen den Mojokerto-Schädel mit Schädeln heute lebender Primaten.<BR><BR>Daraus ergab sich, dass das Gehirnwachstum des Homo-erectus-Kindes ähnlich schnell abgeschlossen war wie etwa bei den Schimpansen. "Die Daten weisen darauf hin, dass die Zeit, in der das Gehirn des Homo-erectus-Kindes nach der Geburt reifte, sehr kurz war", sagt Hublin.<BR><BR>Deutliche Unterschiede ergaben sich aber beim Vergleich mit den modernen Menschen: Heutige Neugeborene werden vergleichsweise unreif geboren. Sie verfügen bei der Geburt erst über etwa 25 Prozent ihres späteren Gehirnvolumens von etwa 1350 Kubikzentimetern. Nach etwa einem Jahr hat es etwa 50 Prozent seines endgültigen Volumens erreicht.<BR><BR>Ausgewachsen ist das Gehirn beim modernen Menschen erst nach dem zehnten Lebensjahr. Von allen Primaten ist der Mensch damit der einzige, bei dem der Nachwuchs so lange Zeit hat, sich zu entwickeln. "Dieses Phänomen verschafft dem Homo sapiens erhebliche Vorteile gegenüber seinen frühen Verwandten", erklärt Hublin und verweist auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten des Kindes in seinen ersten zehn Lebensjahren.<BR><BR>Während des langen Gehirnwachstums ist das Kind unzähligen Reizen ausgesetzt, so der Wissenschaftler, dadurch findet eine Interaktion der Hirnregionen statt. Ein weiterer Vorteil eines noch unreifen Gehirns bei der Geburt, ergibt sich für die Mutter in der Zeit der Aufzucht des Nachwuchses.<BR><BR>Homo sapiens benötigt große Energiemengen, um seine Gehirnfunktionen aufrecht zu erhalten. Ein erwachsener Mensch verbraucht etwa 20 Prozent seiner Energie für das Gehirn. "Ein Embryo benötigt sogar 50 Prozent", sagt Hublin. "Für Mütter ist es einfacher, ihren Kindern diese große Energiemenge nach der Geburt in Form von Nahrung zuzuführen, als sie im eigenen Körper bereitstellen zu müssen."<BR><BR>Und schließlich gibt es für die Frauen noch einen Vorteil. Da die Köpfe ihrer Kinder bei der Geburt noch lange nicht ihr endgültiges Volumen angenommen haben, können die Mütter auch mit schmaleren Beckenknochen Kinder zur Welt bringen.<BR><BR>Für die Entwicklung der Sprache dürfte auch das Wachstum des Gehirns weit über die Geburt hinaus (sekundäre Altrizialität) eine Rolle gespielt haben. Hublin ist fest überzeugt, dass der Homo erectus schon kommunikative Fähigkeiten hatte. Doch sein geringeres Hirnvolumen und das Fehlen des Hirnwachstums dürften eine komplexe Sprache unmöglich gemacht haben.<BR><BR>"Wir können annehmen, dass sich die Sprache parallel zur sekundären Altrizialität relativ spät entwickelt hat", meint Hublin. Dies sei wohl erst vor einem bis 0,5 Millionen Jahren geschehen.<BR><BR>Lexikon aktuell<BR>Sekundäre Altrizialität: Der Begriff bezieht sich auf das Weiterwachsen des Gehirns nach der Geburt. Beim modernen Menschen nimmt das Gehirnvolumen bis zum 10. Lebensjahr ständig zu. Bei unseren Vorfahren, dem Homo erectus kamen die Kinder schon fast mit einem vollständigen Gehirnvolumen zur Welt, so die Max-Planck-Forscher. 

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