Der Mensch, der zu viel wusste

- München/Berlin - Die neue Freiheit kann grenzenlos sein: Ein Gentest, erhältlich in der Drogerie, liefert eine lückenlose Analyse des Erbguts. Der rapide Fortschritt der Forschung könnte es künftig jedem Bürger ermöglichen, sich für ein paar hundert Euro genetisch durchleuchten zu lassen. Moderne Gentests ermitteln das persönliche Risiko für mehr als 1800 Krankheiten, vor allem für Krebs, an dem ein Viertel der Bevölkerung stirbt.

<P>Die Analysen sind so ausgereift, dass selbst die Anfälligkeit für Fältchenbildung oder Magersucht überprüft werden kann. Doch muss der Mensch alles wissen, was er über sich wissen könnte? Die Politik sagt Nein, will den Gentests einen Riegel vorschieben.</P><P>Nach der Sommerpause wird das Bundesgesundheitsministerium einen Gesetzentwurf einbringen, der Gentests ohne amtliche Zulassung und ohne ärztliche Verschreibung grundsätzlich verbietet. Es sei eine absurde Vorstellung, dass Gen-Analysen künftig wie Schwangerschaftstests in der Apotheke angeboten werden könnten, warnt der Münchner Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag, Rechtsexperte der Bundestagsfraktion. </P><P>"Moderne Gentests erlauben tiefe Einblicke in den körperlichen und seelischen Zustand eines Menschen", so Montag. Die Genomforschung biete große Chancen, berge aber auch enorme Gefahren: So könne ein 50-Jähriger, dem ein hohes Risiko für eine unheilbare Krebserkrankung attestiert werde, zwar wichtige private und wirtschaftliche Weichenstellungen treffen, für die sonst wenig Zeit gewesen wäre. Andererseits könne die Vorhersage einer schweren Krankheit auch unendliches Leid verursachen, meint Montag: "Die psychische Belastung ist enorm. Wer weiß, dass er theoretisch an Krebs erkranken könnte, liegt jeden Tag auf der Lauer, lebt vielleicht über Jahrzehnte in Angst und Depression."</P><P>Der Gesetzgeber steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Jeder Mensch muss das Recht haben, seine eigenen genetischen und medizinischen Befunde zu kennen. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass es auch ein Recht auf Nichtwissen gibt. Wer sich nicht für seine genetische Konstitution interessiert, darf unter keinen Umständen zu einem Test gezwungen werden. Besonders für Versicherungen und Arbeitgeber sollen Gentests und deren Ergebnisse tabu sein - selbst dann, wenn ein Arbeitnehmer sie freiwillig vorlegen sollte, etwa um seine Chance auf Einstellung zu erhöhen.</P><P>Noch ist das Gesetz nicht im Parlament, doch die ersten Eckpunkte scheinen festzustehen: Künftig soll jeder Gentest verschreibungspflichtig sein _ die Entscheidung trifft im Einzelfall ein Humangenetiker. Stimmt der Arzt zu, muss sich die Testperson vor der Analyse psychologisch beraten lassen. Auch bei der Bekanntgabe der Testergebnisse ist eine Betreuung generell vorgesehen. Labors, die private Gentests anbieten, müssen strenge Auflagen erfüllen und eine amtliche Zulassung beantragen. Damit will der Gesetzgeber einem Wildwuchs vorbeugen, etwa von unseriösen Internet-Angeboten.</P><P>Regierung und Opposition sind sich weitgehend einig. Das Prinzip für die Anwendung genetischer Diagnostik sei die "Freiwilligkeit nach umfassender ärztlicher Aufklärung", betont die CDU-Politikerin Katherina Reiche. "Der rasche Fortschritt der humangenetischen Forschung, der Zuwachs an diagnostischen Möglichkeiten und die Zunahme der Anbieter verlangen zügiges Handeln." Dies habe die Bundesregierung bisher vermissen lassen, kritisiert Reiche. Ihr Kollege Montag sieht dennoch "große Chancen, dass das Gentest-Gesetz zu einem Allparteiengesetz wird".</P><P>Doch zuvor sind noch viele Fragen zu klären - etwa Ausnahmeregelungen für Versicherungen. Sie können einen Versicherungsschutz nur gegen ungewisse Risiken bieten. Der Kunde muss Gesundheitsrisiken, die ihm bekannt sind, offen legen - künftig also auch einen freiwilligen Gentest, sollten darin lebensbedrohliche Krankheiten prognostiziert worden sein.<BR></P>

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