"So merkt man gar nicht, dass man älter wird"

- Die rund 350 Bewohner der kleinen japanischen Insel Taketomi können sich glücklich schätzen, denn sie bleiben von Alterskrankheiten wie Alzheimer oder Demenz verschont. "Auch Pflegebedürftigkeit gibt es bei uns fast nicht", erklärt Dr. Seiro Sashida (73), einziger Arzt der Insel, seinen Besuchern. "Selbst Inselbewohner, die über 100 Jahre alt sind, können sich noch versorgen."

Natürlich ereilt auch die langlebigen Taketomis irgendwann der natürliche Tod. Aber nicht nach langem Siechtum. "Es ist normal, dass die Menschen hier fit sind bis sie sterben und nicht vor Schwäche erst Wochen lang im Bett liegen müssen." So ist es auch eine Art von Normalität, wenn eine 98-jährige Hausfrau noch am Tag vor ihrem Tode in ihrem Garten Unkraut gejätet hat.<BR><BR>Die Langlebigkeit und Fitness der Japaner auf der kleinen Insel zwischen Okinawa und Taiwan interessiert Benedikt Bader, Mediziner am Münchner Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung, ganz besonders. Schließlich wird weltweit fieberhaft über Ursachen für Alterskrankheiten geforscht. Er hat sich in der Welt der Bewohner von Taketomi genau umgesehen und in langen Gesprächen mit ihnen und dem Inselarzt versucht, dem Geheimnis ihrer gesunden Lebensweise auf die Spur zu kommen. "Bei uns in Deutschland werden nur rund 18 Prozent der Menschen älter als 65 Jahre, auf Taketomi aber 30 Prozent", sagt Bader. Und er fügt hinzu: "Auf der Insel gibt es auch kaum Fälle der bei uns so häufigen Wohlstandskrankheiten, wie Herzkreislaufleiden oder Diabetes mellitus", erklärt Bader. "Die hohe Lebenserwartung der Taketomis hängt offenbar mit lokalen Faktoren zusammen", vermutet Bader. "Dabei spielen das gute Klima, die starke Einbindung der Älteren in die Gesellschaft und vor allem die Ernährung eine entscheidende Rolle."<BR><BR>Die Leute auf Taketomi essen viel rohen Fisch, wenig Fleisch und viel Gemüse, außerdem Meeresalgen. "So nehmen die Menschen viel Mineralien und Vitamine zu sich." Der 80-jährige Saburo Takana, Vorsitzender des Vereins für ältere Menschen erklärt den Besuchern gerne den gesunden Speisezettel. "Wir bereiten unser Essen immer mit den auf Taketomi wachsenden Pflanzen zu. Viele davon sind Heilkräuter, die wir oft selber angebaut haben."<BR><BR>Für besonders wichtig hält er auch den Kontakt mit der jüngeren Generation. "Auf Taketomi hat jeder seinen Platz und wird von den anderen Inselbewohnern respektiert." So werden auch die alten Menschen bei den traditionellen Tänzen und Ritualen eingebunden und übernehmen eine aktive Rolle. "Wegen der engen Gemeinschaft auf unserer Insel sitzt niemand einsam zu Hause und muss warten, dass mal jemand vorbeikommt", meint Takana. "So merkt man gar nicht wirklich, dass man älter wird."<BR><BR>Das Fitness-Studio der Senioren von Taketomi ist der Gateballplatz. "Da bewegen wir uns viel an frischer Luft, und das wichtigste ist, wir können zusammen lachen," schmunzelt Takana, "denn erst durch viel Lachen bleibt man gesund." Für die Zukunft befürchtet der Inselarzt jedoch Veränderungen, durch die sich die Lebenserwartung auf Taketomi der des restlichen Japans anpassen wird. "Die jüngeren Menschen essen heutzutage viel mehr Schweinefleisch und Süßigkeiten als noch vor einigen Jahren," sagt Sashida. "Früher galt Fleisch als Luxusgut, das man lediglich drei bis vier Mal im Jahr zu festlichen Anlässen zu sich nahm". Und ein Zivilisationslaster breitet sich jetzt auch langsam auf der Insel aus - das Zigarettenrauchen.

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