Mitten ins Leben gedichtet

- Speichel spritzt, einer rülpst sich ins Leben. Das Leben? Ist eh immer das Gleiche. Wissen Sie? Wissen Sie nicht? Doch, doch, Sie müssen nur die Verpackungsaufschriften lesen. Da gibt es Menschen in Wasserburg, zum Beispiel, die Milch zu Joghurt verarbeiten. Und andere, was keiner wissen soll, die Tränen rauslassen, so viele, bis die Bettdecke sich voll saugt. Interessiert Sie? Interessiert Sie nicht? Aber zugehört sollte man schon haben, wenn zwölf junge Autoren in Prosa-Texten ihre Sicht auf die Welt spiegeln.

Donnerstagabend, Regen. Die jungen Autoren, Teilnehmer des aktuellen Manuskriptum-Kurses, sind kaum aufgeregt, "nur a bisserl nervös", wie Christine Auerbach, 24, Studentin, sagt. Ein Semester lang haben sie an ihren Texten gefeilt, heute werden die literarischen Versuche im Lyrikkabinett an der Amalienstraße erstmals in einer Lesung präsentiert. Ob es dem Publikum wohl gefallen wird? "Wenn mir mein Text gefällt, wenn ich Spaß dran habe und ihn gerne lese, dann bin ich mir sicher, dass sich auch andere dafür begeistern können", sagt Nachwuchs-Autor Kay Wolfinger, 22.

So selbstbewusst kommen auch andere Autoren daher. Und deren Texte. Wie etwa Christoph Kastenbauers Romanausschnitt "Von der Sinnlosigkeit eine Tiefkühlpizza vollständig verdauen zu wollen". Ohne lange Vorreden sagt Norman, der Protagonist, 180 Kilogramm schwer: "Ich fresse, darum geht es." Wumm - mittendrin im realen Leben. Kein Weg, der daran vorbeiführt, auch nicht bei anderen Autoren, deren Protagonisten die Welt beschreiben, trocken, aus der Distanz, aber nicht mehr fühlen wollen. Hat das Leben noch mit mir zu tun? - "Ist das mein Atem?", heißt es in einer Kurzgeschichte.

Sprungbrett in den Literaturbetrieb

Die Frage, ob man, wie bei Manuskriptum, Schreiben unterrichten kann, stellt sich Kursleiter und Autor Georg M. Oswald selbst. "So richtig weiß ich ja selbst nicht, was ich da mache", sagt er. Und doch bietet Manuskriptum Studierenden der Münchner Universitäten nicht nur die Gelegenheit, die eigenen Texte mit renommierten Autoren und erfahrenen Praktikern zu diskutieren - der Kurs ist auch Sprungbrett in den Literaturbetrieb.

In den Kurs aber schaffen es nur wenige: Aus 150 Bewerbungen werden zwölf Autoren ausgewählt. Lektor Martin Hielscher, der in diesem Jahr die jungen Manuskriptum-Talente mit betreut, erklärt, worauf es unter anderem ankommt: "In den Kurs schaffen es Leute, die mit Sprache eigenständig umgehen können. Die Sprache muss sich vom konventionellen Gebrauch absetzen."

Ist der Entschluss, Schriftsteller zu werden, "sicher ungewöhnlich genug", wie Hielscher sagt, wird es auf dem Weg dorthin auch nicht einfacher. "Die härteste Lektion war, mich von Wörtern zu trennen, die ich unbedingt im Text drin haben wollte, die aber überflüssig waren und dem Text mehr schadeten als nutzten", erzählt Christoph Kastenbauer. Ob er davon träumt, einen Bestseller zu schreiben? "Ich versuche es mal", sagt er gelassen. "Man denkt schon mal daran", meint Christine Auerbach. Letztendlich aber gehe es um das Tun. "Ohne Schreiben", sagt sie, "kann ich mir mein Leben nicht vorstellen."

Weitere Informationen im Internet unter www.lmu.de/manuskriptum oder bei Dr. Edda Ziegler, Institut für Deutsche Philologie LMU, Telefon 089/2180-20 63.

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