Mobil an der Strippe hängen

- Wir schreiben das Jahr 2004: Alle gieren nach silberfarbenen Mini-Handys mit Internetzugang, aufwändigem Terminkalender und lauter unnützen Spielen. Alle? Eine kleine Minderheit widersetzt sich dem Mobilfunk-Einheitsbrei und verhilft vergessenen Techno-Dinosauriern wie dem Motorola DynaTac oder SEL-Alcatel SEM 340 zu einer ungeahnten Renaissance.

<P>Mit solch klobigen Knochen von vor 20 Jahren in der Gegend herumzulaufen ist in den USA der letzte Schrei. Die New York Times bezeichnete es kürzlich als "analogen Chic für die digitale Generation". Es wird wohl nicht lange dauern, bis der Trend nach Bayern schwappt. </P><P>Die betagten Geräte kosten nicht viel, schon ab 15 Euro wird man in hiesigen Internet-Auktionshäusern fündig. Ein Schnäppchen, bedenkt man, dass ein 1983er-DynaTac seinerzeit für satte 3400 Dollar über den Ladentisch ging. <BR><BR>Doch benutzen kann man die Kultobjekte aus der Yuppie-Dekade nicht, da sie nur im C-Netz funktionieren. Das wurde Ende 2000 in Deutschland abgeschaltet. Wer in den heutigen Netzen telefonieren will, sollte Ausschau nach Modellen ab Baujahr 1994 halten, etwa das Siemens S 1.<BR><BR>"Ich bin im Besitz eines antiken Handys, das in der S-Bahn wirklich edel kommt. Die Leute schauen dann noch dämlicher als sonst", amüsiert sich Werner in einem Internet-Forum. Ein anderer schreibt: "Würde es ein Retro-Handy geben, so mit Wählscheibe und gedrehtem Kabel, ich würde es kaufen." Das kleine Londoner Mobiltelefonunternehmen Pokia macht solche Träume wahr, wenn auch nicht mit Wählscheibe. Firmenchef Nicolas Roope bietet altmodische Bakelit-Telefonhörer inklusive Adapter an, die sich an handelsübliche Multimedia-Handys stecken lassen. Seine "Retro-Telefone der Zukunft" erreichen bei "ebay"-England Höchstgebote bis zu 310 Pfund (rund 470 Euro).<BR><BR>Bakelit-Hörer als Kontakt-Maschine</P><P>Bei den MTV Video Music Awards wurden bereits Pokia-Produkte bei US-Rappern gesichtet und ein Hollywood-Produzent soll sich gar eine von Roopes Kreationen in seine Limousine eingebaut haben. "Besondere technische Kenntnisse brauche ich nicht", sagt der gelernte Bildhauer gegenüber unserer Zeitung. Dass aus der spontanen Idee mehr herauszuholen ist, merkte er beim Praxistest in der Londoner City. Die Passanten waren "total baff". Mittlerweile plant Roope den Vertrieb über die Grenzen des britischen Königreichs hinaus auch in Deutschland. </P><P>Hierzulande steht mit Freakyphones in Köln bereits ein ganz ähnliches Projekt in den Startlöchern. Initiator Georg Leciejewski ist ein echter Fan von alten Telefonhörern: "Die schmiegen sich ans Ohr, lassen sich mit der Schulter einklemmen und liegen richtig in der Hand. Diese Eigenschaften weist kein Handy auf. Außerdem sind unsere Telefone Kontaktmaschinen. So schnell hatten Sie noch nie eine Telefonnummer, denn keiner kann glauben, dass das wirklich funktioniert." </P><P>Bei Pokia sind manche Hörer für den neuen Bluetooth-Standard ausgelegt, der eine drahtlose Kommunikation mit dem Handy in Hosentasche oder Rucksack ermöglicht. Wenn jemand also in der Stadt Selbstgespräche mit einem Telefonhörer führt, dessen Kabelende herrenlos herumbaumelt: Nicht gleich die 110 anrufen - mit Sicherheit handelt es sich hier bloß um ein Retro-Handy.</P><P>Adressen<BR>www.pokia.com <BR>www.freakyphones.de<BR></P>

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