Mundschutz für die Welt

- München/Wiesbaden - Deutschland ist derzeit SARS-frei. Das ist die gute Nachricht. Der letzte Verdachtsfall, eine hustende Frau, die nach der Rückkehr aus Hanoi vorsorglich in München ins Schwabinger Krankenhaus kam, entpuppte sich als bloße Erkältung.Doch weltweit haben die Ärzte die rätselhafte Lungenseuche "Schweres Akutes Atemwegs-Syndrom" noch nicht im Griff. Weder gibt es ein gezielt helfendes Medikament, noch einen Impfstoff. In Asien, wo die Klinikärzte so viele Patienten versorgen müssen, herrscht das Chaos.

Und die SARS-Zahlen steigen weiter. Die Weltgesundheitsorganisation meldete gestern 5663 vermutlich Erkrankte in 26 Ländern und 372 Tote. Auch Taiwan hat jetzt seinen ersten Todesfall und Macao seinen ersten Kranken.

Dass mit der Infektion nicht zu spaßen ist, wurde auch auf dem 109. Deutschen Internisten-Kongress in Wiesbaden beklemmend deutlich. Zwar haben die Virologen nach monatelanger Spurensuche ein bisher unbekanntes Mitglied aus der Großfamilie der Coronaviren als Übeltäter entlarvt. Gerade hat man in deutschen und kanadischen Labors auch sein komplettes Genom (Erbgut) entschlüsselt. Ein Gen-Schnelltest ist auch schon fertig. Aber in der Therapie stochern die Ärzte noch im Nebel herum. Frühestens in zwei Jahren rechnet die WHO mit einem Impfstoff.

Man könne im Labor quasi mit bloßem Auge zuschauen, wie rasant sich das Virus vermehre, berichteten Privatdozent Hans Reinhard Brodt, der Leiter der Isolierstation am Uniklinikum Frankfurt, und Professor Hans Wilhelm Doerr, Direktor des Instituts für Medizinische Virologie. Noch weiß keiner, woher der Erreger kommt, an dem vor allem in Asien so viele Menschen sterben. Und warum die Überlebenden nach sieben bis 10 Tagen schlagartig wieder gesund sind.

Coronaviren sind - wie der Erreger der echten (und tödlicheren) Grippe - höchst wandlungsfähig. Ständig entstehen neue Genkombinationen. Der Organismus ist ihnen hilflos ausgeliefert, bis das Immunsystem sich auf den neuen Feind aus dem Mikrokosmos eingestellt hat.

Ist der SARS-Erreger vom Tier auf den Menschen übergesprungen? Vielleicht. Man kennt Coronaviren von Hunden, Katzen, Hühnern, Schweinen, Kälbern - manche lösen einen ungefährlichen Durchfall aus, andere regelrechte Seuchen. Hat er sich aus einem schlichten menschlichen Erkältungserreger in ein aggressives Lungenvirus verwandelt? Oder ist der SARS-Keim eine Rekombinante, ein genetisches Mischwesen? So unklar wie die Abstammung ist seine Aggressivität. Warum sterben so viele Kranke in China oder Kanada, obwohl die modernsten Medikamente hier wie dort verfügbar sind? Die meisten Toten waren über 60, hatten also häufig auch Begleiterkrankungen, das ist zumindest eine Erklärung.

Bei Kindern (nicht Jugendlichen) scheint SARS harmloser zu verlaufen, so eine klinische Studie aus Hongkong. Sie steht im angesehenen britischen "Lancet".

Das neue Coronavirus gilt als "Leitkeim", oft fände man auch noch Chlamydien bei den Kranken, sagte der Frankfurter Mediziner Wolfgang Preiser, der im Auftrag der WHO in China war.

Alle Erkrankten haben zuerst über 38 Grad Celsius Fieber, deshalb sind die Geräte zur Temperaturschnellmessung bei Flughafentouristen durchaus sinnvoll. Der trockene, extreme Husten kommt oft viel später. Und erst dann scheinen die Kranken hoch ansteckend zu sein.

Der erste SARS-Patient in Deutschland, der 32 Jahre alte Arzt aus Singapur, der in Frankfurt behandelt wurde, steckte im Flugzeug hustend seine schwangere Frau und eine amerikanische Stewardess an, die ihn in der letzten Reihe versorgte. Mundschutz war noch kein Thema. Aber heute: "Würde die ganze Welt vier Wochen lang einen Mundschutz tragen, wäre SARS verschwunden", so Brodt und Preiser.

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