Die Nacht, in der das Orakel spricht

- In seinem Geldbeutel steckt eine Fisch-Schuppe vom Silvester-Karpfen und ein Stück Baumwolle, damit ihm nie das Geld ausgeht. Doch abergläubisch sei er nicht, sagt Rainer Wehse. Am Institut für Volkskunde der Ludwig-Maximilians-Universität erforscht er zusammen mit seinen Kollegen unter anderem Bräuche, die sich in der europäischen Kultur über die Jahrhunderte eingebürgert haben. Auch das Büro Wehses erzählt von diesen Forschungen. Auf dem Tisch steht ein Wolpertinger. Am Bücherregal lehnen schwarze Fasanenfüße.

Auch mit den Bräuchen zur Jahreswende haben sich die Volkskundler beschäftigt. "Unser Neujahrstermin wurde erst relativ spät, im Jahr 1691 festgelegt", erklärt Wehse. "Bei den Germanen richtete man sich eher nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember."

Silvester ist traditionell die Nacht, in der man in die Zukunft schauen will, sei es mit Bleigießen oder mit Kaffeesatz-Lesen. Man orakelt über Liebe, Hochzeit, Gesundheit, Beruf. Solche Orakelbräuche sind in Nordeuropa festgefügter als im Süden. "Unsere Neujahrsbräuche gehören zu den so genannten Rites de Passage", sagt Wehse. Dabei werde das kleinste Ereignis oder die geringfügigste Handlung in der Stunde des Übergangs ins neue Jahr als wichtiges Omen angesehen. "Die Menschen sind aber auch besonders sensibel für Übersinnliches", sagt Professorin Sabine Wienker-Piepho vom Institut für Volkskunde. "Der wichtigste Gedanke liegt in der Abwehr von Geistern." Licht, aber auch Räucherwerk soll sie vertreiben. "Das erklärt die Rauch- oder Raunächte", meint Wienker-Piepho.

Die älteste Neujahrskarte stammt von 1445

Auch Segenswünsche zum neuen Jahr sind schon lange in der Bevölkerung verankert. "Die Neujahrsbriefe wurden schon im 15. Jahrhundert verschickt", erklärt Wienker-Pipho. Die älteste Karte, die den Volkskundlern bekannt ist, stammt aus dem Jahr 1445 und enthält den Text "Eyn gut selig nuwe jar". "Allein die Überbringungsrituale dieser Grüße sind ein reizvolles Forschungsgebiet", meint die Volkskundlerin. Denn sie werden von Sprüchen und Gesängen begleitet.

Zum Studium der Texte können die Wissenschaftler auf das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg zurückgreifen. Dort lagern hunderte dieser Ansinge- oder Klöpfleslieder. Neben Archiven gewinnen die Volkskundler ihre Informationen aber auch aus anderen Quellen, "zum Beispiel Polizeiakten oder Stadtarchive", sagt Wehse.

Ein Fall aus so einer Polizeiakte ist Wehse in besonderer Erinnerung geblieben. "Ein junger Mann wollte einem Mädchen zu Silvester seine Liebe gestehen, indem er mit einem Gewehr vor ihrem Zimmer in die Luft schießen wollte", erzählt er. "Dabei erschoss er sich selbst."

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