Nachtschicht für das Gehirn

- Annedore Pawlizki ist todmüde. Fast 35 Stunden hat sie nicht mehr geschlafen. In dieser Zeit hat sie weder wilde Partys gefeiert, noch Unmengen Kaffee zu sich genommen, um wach zu bleiben. Sie hat es einfach freiwillig im Dienste der Wissenschaft getan. Annedore Pawlizki ist lebendes Untersuchungsobjekt für die Schlafforscher des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie.

Die Nacht wird für sie ungemütlich, sie soll in der engen Röhre eines Magnetresonanztomographen schlafen.

Die beiden Schlafforscher Renate Wehrle und Michael Czisch wollen mit dem Tomographen die Hirnaktivitäten von Annedore Pawlizki messen. Zudem wird die Probandin an ein EEG angeschlossen sein, das ihre Gehirnströme misst.

Der Kopf wird in einem Korb fixiert

Spät am Abend beginnt das Experiment. Renate Wehrle verkabelt Pawlizki, die es sich mit einer Decke schon gemütlich gemacht hat, auf der Liege vor der engen Röhre des Tomographen. In dem Raum herrscht bei den Messungen ein tosender Lärm. Das Gerät bringt es auf fast 90 Dezibel, das ist so laut als würde man neben einer Autobahn stehen. Der Kopf von Andrea Pawlizki wird zudem in einem engen Korb fixiert, damit er sich nicht verschiebt, während sie schläft.

Doch weder die unangenehme Schlafposition noch der Lärm stören Pawlizki. Kurz nachdem sie in die Röhre geschoben wurde, schläft sie fest. Vor dem Raum mit dem Tomographen sitzen unterdessen die beiden Forscher und überwachen ihren Schlaf am Computer. "Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir mit Schlafen, doch eigentlich wissen wir sehr wenig darüber was in unserem Körper dabei vorgeht", erklärt Michael Czisch.

Aus diesem Grund studieren die Forscher des Max-Planck-Instituts seit rund sechs Jahren, was in unserem Gehirn abläuft wenn wir schlafen. Dazu haben sie eine komplizierte Technologie entwickelt, die das EEG mit dem Magnetresonanztomographen zusammenwirken lässt. Der Tomograph misst die Gehirnaktivität über starke Magnetfelder. Diese werden von den Blutströmen beeinflusst, die durch das Gehirn laufen. In den aktiven Regionen fließt mehr Blut. Damit ändert sich exakt an dieser Stelle das Magnetfeld. Diese Veränderung kann über Sensoren gemessen werden. In dieser Nacht wollen die Forscher untersuchen, wie die Probandin auf Geräusche reagiert und welche Gehirnregionen dabei aktiv sind.

Dazu spielen sie Annedore Pawlizki verschiedene Geräusche ein, während sie weiter schläft. "Ob ein akustischer Reiz als relevant eingestuft wird, hängt von emotionalen Aspekten ab", erklärt Wehrle.

Ein gutes Beispiel ist der Ammenschlaf. Mütter sind darauf geeicht, bei dem geringsten Laut ihres Kindes aufzuwachen. Andere schlafen dabei ungerührt weiter. Auch bei der friedlich schlummernden Annedore Pawlizki stellen die Forscher bei verschiedenen Geräuschen eine geringe Gehirnaktivität fest. Je nachdem, in welcher Schlafphase sich die Probandin befindet, schottet sich das Gehirn mehr oder weniger ab. Doch würden die Wissenschaftler der Schlafenden Reizwörter wie "Feuer" oder ihren Namen zurufen, würde sie mit großer Sicherheit aufwachen.

So ganz geklärt ist die Frage noch nicht, warum uns die Natur den Schlaf verordnet hat. Und genau aus diesem Grund sind die Münchner Forscher von dem Thema fasziniert. "Wenn wir uns hinlegen, fallen wir gewöhnlich erst einmal in einen Tiefschlaf. Das ist der Schlaf, den der Körper am dringendsten benötigt", erklärt Wehrle. "Daneben durchleben wir in der Regel drei weitere weniger tiefe Schlafstadien." Besonders mysteriös sind dabei die sogenannten REM-Schlafphasen, bei denen sich die Augen bewegen. Hier träumen die Menschen intensiv.

Tief in der Nacht geht der Versuch zu Ende

Mitten in der Nacht beginnt plötzlich das EEG von Annedore Pawlizki auszuschlagen. Sie ist aufgewacht. Renate Wehrle nimmt ihr die rote Schlafhaube ab. Das Experiment mit ihr war erfolgreich.

Auch für die beiden Schlafforscher ist jetzt schnell Feierabend. Michael Czisch und Renate Wehrle schalten ihre Geräte aus und treten den Heimweg an. Renate Wehrle selbst ist ein Nachtmensch, was ihr als Schlafforscherin sehr hilft. Tipps zum besseren Einschlafen sind der Wissenschaftlerin nur schwer zu entlocken: Wenn sie einmal nach der Arbeit nicht einschlafen könne, dann lese sie am liebsten einen Krimi. "Das hilft meistens", sagt sie.

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