Von Natur aus schön

- Das Gesicht zugekleistert mit einem weißen Batz, fein säuberlich darauf drapiert blassgrüne Fruchtscheibchen: Zu zweifelhafter Berühmtheit hat sie es gebracht, die Gurkenmaske, mit der Generationen von Frauen versuchten, Frische und Klarheit in ihr Gesicht zu zaubern.

Huflattich gegen Pickel, Kamille gegen Reizungen, Obstessig und Orangen gegen schlaffe Haut, Rosmarin für die Durchblutung -das waren die Rezepte von Stephanie Faber, die in den ökobewegten 70er Jahren zahlreiche Heimlabors inspirierte. Die Zeiten von Hafermehl-Masken, Eigelb-Honig-Öl und Sauerkraut-Packungen mögen vorbei sein, dafür aber sind Algenauflagen und Wachsmodellagen stark im Trend. Naturkosmetik ist zum Schlagwort der modernen Wellness-Generation geworden. Dabei gibt es nicht einmal eine gesetzliche Definition des Begriffs. Und auf die Vor- und Nachteile im Vergleich zu "herkömmlicher" Kosmetik mag sich kein Arzt wirklich festlegen.

Warnung vor falschen Versprechungen

Reinigung, Pflege, Beeinflussung des Aussehens und des Körpergeruchs -das kann Kosmetik. Aber Veränderung der Körperformen und -funktionen schaffen die Mittel nicht. Das Bayerische Gesundheitsministerium warnt klar vor falschen Versprechungen. Und verweist auf die gesetzliche Regelung, dass bei langfristigem Gebrauch keine gesundheitlichen Schäden auftreten dürfen. Deshalb sind an die 450 Stoffe -von Hormonen bis Antibiotika -verboten, deshalb werden hygienische Produktion und Sicherheitsbewertungen eingefordert. Und: Es muss ein Wirksamkeitsnachweis erbracht werden. Aus wissenschaftlicher Sicht wird die Haut nämlich allein durch den Blutkreislauf ernährt, nicht durch Cremes. Verjüngen kann kein Mittel, wohl aber vorzeitige Hautalterung durch Schutz und Pflege aufhalten. Wie, das regeln EU-Richtlinien und ihre deutsche Umsetzung im Lebensmittelgesetz und der Kosmetik- Verordnung. Überwacht wird das ganze vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Weil damit unter dem Prädikat Natur aber auch jede Menge chemischer und synthetischer Stoffe zur Konservierung, Farbgebung und Beduftung verkauft werden darf, steuert der Bundesverband deutscher Industrie- und Handelsunternehmen (BDIH) dem entgegen. 2001 gründete sich die Arbeitsgruppe Naturkosmetik, die einen Gütesiegel "kontrollierte Naturkosmetik" nach strengen Richtlinien vergibt. 50 Hersteller und über 2000 Produkte sind zertifiziert. Sie verwenden pflanzliche Rohstoffe möglichst aus kontrolliert- biologischem Anbau oder Wildsammlung. Die Verarbeitung von Fetten, Ölen, Wachsen, Proteinen etc. ist geregelt. Auf organisch-synthetische Farbstoffe, synthetische Duftstoffe, Silikone, Paraffine und andere Erdölprodukte wird verzichtet. Auch der Einsatz von Konservierungsmitteln ist beschränkt auf Benzoe-, Sorbin und Salicylsäure sowie Benzylalkohol. Eine radioaktive Bestrahlung zur Entkeimung gilt als verpönt, ebenso Gentechnik und Tierversuche. Stoffe toter Wirbeltiere (Nerzöl, Murmeltierfett, Collagen) sind verboten. Zudem befolgt man umwelt- und sozialverträgliche Leitlinien -auch, um der Ausrottung von bisher 4000 Heilpflanzenarten Einhalt zu gebieten.

Aber warum nur der Aufwand? Es gab immer wieder Horrormeldungen, die Erdölprodukte und Paraffine in Zusammenhang mit Brustkrebs brachten. Tierische Produkte gerieten seit BSE in ein fahles Licht, Polyethylenglykolhaltige Emulgatoren (PEG) standen unter Verdacht, die Haut durchlässiger zu machen. Konservierung mit Parabene kann, genauso wie ein Duftstoff, Allergien auslösen. Laut Kosmetikverordnung darf aber ohnehin nur mit zugelassenen, unschädlichen Stoffen konserviert werden. Duftstoffe müssen seit heuer deklariert werden, um Allergikern zu helfen. Farbstoffe, ob natürlich oder synthetisch, sowie UV-Schutz, ob organisch oder anorganische Mikropigmente, müssen ebenfalls erlaubt und aufgelistet sein.

Problemfall Konservierung

Trotzdem ist einer ständig wachsenden Zahl von Kunden (rund 10 Prozent) "reine Natur" lieber. Dabei können natürliche Pflanzeninhaltsstoffe genauso unverträglich sein wie synthetische Stoffe. Petra Vormfenne, Apothekerin in der wissenschaftlichen Abteilung der Kosmetikfirma Dr. Kurt Wolff / Alcina, verweist auf die Wichtigkeit von Konzentration und Zweckbestimmung. "Das ist wie mit dem Salz: In kleinen Mengen brauchen wir es, in mittleren Dosen ist es okay, in hohen Mengen bringt es einen um." Ein vergammeltes Produkt schadet in ihren Augen mehr als eine geringe Dosis Konservierung. Bezüglich Farbstoffe hat sie in der Allergieberatung noch nie Probleme gehabt, mit ätherischen Ölen schon. Häufig sei es die Mischung verschiedener Stoffe, auf die eine Person reagiert.

Attraktiv durch innere Harmonie

Die bayerische Naturkosmetik-Herstellerin Martina Gebhardt, Mitbegründerin der Arbeitsgruppe Naturkosmetik im BDIH, setzt deswegen auf möglichst wenige Inhaltsstoffe. Sie selbst hat vor 25 Jahren Akne und Narben mit Wollwachs, Johanniskraut und Thymian besiegen können und sich seitdem intensiv mit Natursubstanzen befasst. Weinreben für die Zellerneuerung, Traubenkernöl für die Feuchtigkeit, Granatapfel und Sanddorn für den Hautschutz heißt eines ihrer Anti-Aging-Rezepte. Dass dabei ihre Mittel daheim erfolgreich kopiert werden, bezweifelt sie: Temperaturen, Mischgeschwindigkeit, der ganze Herstellungsprozess seien dafür zu wichtig. Gerade Freunde der Eigenexperimente müssen auf saubere Inhaltsstoffe und Herstellung, auf genaue Dosierung, auf Verderblichkeit, kleine Mengen und gute Lagerung achten.

Gertraud Gruber praktiziert am Tegernsee seit 50 Jahren einen Kompromiss zwischen traditioneller und natürlicher Kosmetik. Vor allem aber ist ihr Konzept ganzheitlich: "Je gesünder ich lebe, umso mehr Chancen habe ich, lange eine reine, gute Haut zu haben." In ihrer Schönheitsfarm darf man sich nicht wundern, wenn Gesichtsbehandlungen mit einer Fuß- und Nackenmassage anfangen, wenn es um die richtige Haltung und eine gute Atmung geht. Nach vielen, zum Teil spektakulären Experimenten wie explodierenden Orangentonics im Keller, nach der Lebertran-Phase und nach Jahren des Kräutersammelns hat es Gertraud Gruber zu 120 eigenen Produkten gebracht. Aber: "Wir können keine Falten weg machen", so Chefkosmetikerin Astrid Eckerl. "Allerdings ist eine gepflegte Falte eine schöne Falte."

Grubers Spezialtipps: Teebeutel im warmen Wasser als Gesichtsbad, Ohren- und Bauchmassagen morgens, eine Tasse Rübensirup oder ein Liter Molke oder Buttermilch ins Vollbad. "Schönheit heißt vor allem sichtbare Gesundheit, in zweiter Linie Ausstrahlung von Ästhetik", beweist die agile 84-Jährige. "Dazu braucht es innere Harmonie. Und das ist auch im Alter erreichbar."

INFORMATIONEN

Adressen:

1. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Tel.: 089 / 315600, www.lgl.bayern.de.

2. Verbraucherzentrale Bayern. Tel.: 089 / 539 87 26, www.verbraucherzentrale-bayern.de

Internet:

www.gesundheitsministerium.bayern.de

www.vis-technik.bayern.de

www.sonne-mit-verstand.de

www.kontrolliertenaturkosmetik.de

www.naturalbeauty.de

Bücher:

1. Natürliche Schönheitspflege. Josephine Fairley. 14,90 Euro.

2. 1001 Natürliche Hausmittel. Laurel Vukovic. 16,90 Euro. Beide Bücher aus dem Dorling Kindersley Verlag.

3. Naturkosmetik zum Wohlfühlen. Von Maria Pieper. Brandtstätter Verlag, 17,50 Euro.

4. Das ganzheitskosmetische Gleichgewicht. Von Gertraud Gruber und Petra Blum. Erschienen im Eigenverlag Gruber für 11,50 Euro.

Veranstaltung:

Bio-Erlebnistage am 3./4. September auf dem Odeonsplatz in München.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kinofeeling für zu Hause: Aktuelle 65-Zoll-Fernseher im Test
Fernseher mit 65 Zoll Bildschirmdiagonale bringen nahezu Kinoerlebnis in die eigenen vier Wände. Für empfehlenswerte Geräte sollte man allerdings rund 2.500 Euro über …
Kinofeeling für zu Hause: Aktuelle 65-Zoll-Fernseher im Test
Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Neben dem Klassiker unter den Strategiespielen "Monopoly" kommen auch leidenschaftliche Gärtner nicht zu kurz. Sie müssen einen verwunschenen Garten wieder in Ordnung …
Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Auch im Urlaub lauern Gefahren. Besitzer mobiler Geräte müssen daher aufpassen. Damit es nicht zu herben Enttäuschungen kommt, sollten Nutzer noch diese drei Dinge tun.
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Windows-Passwörter erneuern
Experten empfehlen, das Systempasswort für den Rechner regelmäßig zu ändern. Auf Wunsch kann Windows 10 einen daran erinnern.
Windows-Passwörter erneuern

Kommentare