Neandertaler - Opfer mangelnder Jagdkünste?

- Lange Zeit galten die Neandertaler als muskelbepackte Hominiden, die in Höhlen hausten, keulenschwingend durch die Gegend liefen und ihre Artgenossen verspeisten. Dann wandelte sich das Bild, man erkannte aus neuen Ausgrabungen, dass sie auch schon Werkzeuge und Waffen benutzten, nach Meinung viele Wissenschaftler machten sie aber nur Fortschritte, wenn sie beim so genannten Homo sapiens sapiens abkupfern konnten.

<P>Die Fortschritte der paläoanthropologischen Forschung zeigen heute jedoch die Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) in neuem Licht. Vermutlich waren sie technologisch und sozial dem Homo sapiens sapiens durchaus ebenbürtig. Sie bestatteten ihre Toten, trugen Schmuck, bildeten soziale Gemeinschaften und hatten offenbar bereits ein religiöses Bewusstsein.<BR><BR> Bis heute haben Archäologen die Überreste von insgesamt 300 Neandertalern in Europa ausgegraben. Mit der Untersuchung der Funde wurde auch mancher wissenschaftliche Streit korrigiert. So sorgte etwa der Fund eines Zungenbeins, das dem des modernen Menschen sehr ähnelt, dafür, dass heute die Meinung vorherrscht, dass Neandertaler auch sprechen konnten. </P><P>Ihr fürsorgliches soziales Verhalten - nach medizinischer Auswertung von Skeletten haben manche Neandertaler schwerste Verletzungen überlebt, was nur mit Hilfe einer Gemeinschaft möglich war - zeugt davon, dass diese prähistorischen Menschen zumindest über ein rudimentäres Sprachvermögen verfügt haben müssen. Je mehr man über ihre Fähigkeiten weiß, desto unverständlicher ist es andererseits, warum sie vor rund 40 000 Jahren von der Erde verschwanden. <BR><BR> Der südafrikanische Ethnologe Louis Liebenberg, der sich als Experte für Buschmänner einen Namen gemacht hat, glaubt, eine Erklärung gefunden zu haben: Es sei dem Neandertaler zum Verhängnis geworden, dass er eine Kunst nur stümperhaft beherrschte: die des Spurenlesens. Tiere können mit Abdrücken, die von der eigenen oder einer fremden Tierart stammen, nichts anfangen. Selbst die intelligentesten Menschenaffen sind nicht misstrauisch, wenn sie auf die frischen Kriechspuren einer Giftschlange stoßen. </P><P>Hingegen legen die Angehörigen archaischer Jäger- und Sammlerkulturen oft verblüffende Leistungen an den Tag, wenn es um die detektivische Entzifferung tierischer Spuren geht. Sie können aus den unscheinbarsten und flüchtigsten materiellen Spuren, die ein Tier hinterlassen hat, ohne weiteres erschließen, zu welcher Art es gehört und welches Alter und welche Größe es hat. Sie können an winzigen Details ablesen, welche Nahrung es zu sich genommen hat und ob es in guter oder schlechter körperlicher Verfassung ist. Häufig schaffen sie es auch, einigermaßen präzise vorherzusagen, welche Laufrichtung es einschlagen und wie schnell es vorankommen wird.<BR><BR>Das Spurenlesen verlangt äußerst geschärfte Sinne, eine hervorragende Beobachtungsgabe, ein hoch entwickeltes detektivisches Kombinationsvermögen und zwei grundlegende geistige Fähigkeiten: logisches Denken und das Aufstellen und gegeneinander Abwägen von Hypothesen. Erst diese Fertigkeiten zusammengenommen ermöglichten es, auf der Basis von Indizien vom Wahrnehmbaren zum nicht oder nicht unmittelbar Wahrnehmbaren vorzustoßen, betont Liebenberg. </P><P>Er vermutet, dass den Neandertalern das geistige Rüstzeug fehlte, um es auf der Jagd mit dem Homo sapiens sapiens aufnehmen zu können. Wahrscheinlich gelang es ihnen zunächst, dieses Handicap durch ihre Körperkraft und die Leistungsfähigkeit ihres Sinnesapparats wettzumachen, meint der Ethnologe, aber mit dem Temperaturanstieg, zu dem es vor gut 40 000 Jahren kam, ging der Schnee mehr und mehr zurück.</P><P> Dadurch wurde es für die Jäger viel schwieriger, Beutetiere durch das Lesen ihrer Spuren und Fährten aufzuspüren. Da es nur selten gelang, Großwild mit dem Speer auf der Stelle zu töten, mussten verwundete Tiere oft tagelang verfolgt werden. Die Neandertaler, die nur mäßige Spurenleser waren, zogen bei Jagden immer öfter den Kürzeren. Damit war ihr Schicksal besiegelt, meint Liebenberg. Ob er mit seiner Theorie auf der richtigen Spur ist, müssen weitere Forschungen zeigen. </P><P> </P><P></P><P>@ www.neanderthal.de</P><P><BR>Homepage des Neanderthalmuseums Mettmann bei Düsseldorf. Dort wird auch gezeigt, dass wir Menschen auf den Schultern von mindestens zwölf weiteren Hominidenformen stehen.</P><P>War dem modernen Menschen offenbach ebenbürtig: der Neandertaler, wie ihn sich Wissenschaftler heute vorstellen.<BR></P>

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