Der neue bayerische Chef-Historiker

- Er ist in einem Alter, in dem man in der (bis vor kurzem ziemlich überalterten) Zunft als "der junge Historiker" angesprochen wird: Ferdinand Kramer (44) ist neuer Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Geschichte in München. Mit Fug und Recht kann Kramer als "primus inter pares" unter den insgesamt sechs Lehrstuhlinhabern seines Faches in Bayern bezeichnet werden. Denn von dem Münchner Lehrstuhl gehen naturgemäß wichtige Forschungsimpulse aus, hier werden Akzente gesetzt, derer die Kollegen oft folgen.

<P>Das liegt auch daran, dass der 1898 erstmals besetzte Lehrstuhl eine einzigartige Geschichte hat und stets prominent besetzt war. Vom Nationalisten Karl Alexander von Müller über den eher Linksliberalen Karl Bosl bis zu den prononciert konservativen Andreas Kraus und Walter Ziegler reicht die Namensliste.<BR><BR>Wo Kramer einzuordnen ist, bleibt abzuwarten. Sicher aber ist, dass die Bayerische Geschichte sich bei ihm ein Stück weit vom Mittelalter weg und zur Zeitgeschichte hin bewegen wird. Kramer macht keinen Hehl daraus, dass "das 20. Jahrhundert ein deutlicher Schwerpunkt sein wird". Sichtbar wird das zum Beispiel an seiner Antrittsvorlesung vergangene Woche: Kramer sprach über "Die Olympischen Spiele in München 1972 und die Modernisierung Bayerns", ein Thema, mit dem er sich (aus Perspektive von Historikern) so weit vorwagte, wie es aufgrund der 30-jährigen Sperrfrist für staatliche Akten nur möglich ist. Übrigens hatte Kramer seine Vorlesung darauf ausgerichtet, zu zeigen, wie umstritten das Projekt damals war. In Zeiten, da das neue Stadion Wellen schlägt und München sich auf die WM 2006 vorbereitet, erinnert auch das an die Gegenwart. <BR><BR>Auch als Herausgeber der Memoiren Gustav von Kahrs, als bayerischer Generalstaatskommissar 1923/34 ein kleiner Diktator, zeigt Kramer seine zeitgeschichtliche Ader. Dabei beherrscht er natürlich ein breites Themenspektrum. Er forschte über Adel im Hochmittelalter ebenso wie über die Geschichte seines Heimatortes Untermühlhausen (bei Kaufering). Seine Habilitation, mit der er zunächst Professor an der Uni Eichstätt wurde, ging über die Frühneuzeit ("Pfalz-Bayerns Politik im bayerischen Erbfolgekrieg 1777-1779"). Bei all dem hat sich Kramer einen umgänglich-freundlichen Ton bewahrt. Wissenschaftliche Abgehobenheit wird ihm wohl auch als Leiter des neuen Instituts für Bayerische Geschichte, dessen Gründung derzeit vorbereitet wird, fremd bleiben - was die etwa 200 Studenten der bayerischen Geschichte schätzen werden.</P>

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