Die neue Sehnsucht nach dem Ritual

- Von CHRISTINE WALDHAUSER-KÜNLEN - Es ist ein Fest für die Sinne, ein ganz und gar bewegender Moment, wenn in tiefschwarzer Nacht das Osterfeuer entzündet wird. Eine Mischung aus stiller Andacht und gespannter Vorfreude wärmt die Gläubigen bei der Auferstehungsfeier am Ostersonntag um fünf Uhr morgens. Und schon wird die Osterkerze ins dunkle Kirchenschiff getragen. Ihr Glanz spiegelt sich in den Augen der Besucher.

An was mögen die Menschen denken? An ihre Kinderzeit? An ein paar freie Tage, die vor ihnen liegen? Was fühlen sie? Ist es Feierlichkeit, Spiritualität? Oder genießen sie einfach den emotionalen Verlauf der kirchlichen Zeremonie, die seit Jahrhunderten so oder ähnlich begangen wird? Und freuen sich darauf, dass auch dieser Ostersonntag nach alter Tradition begangen wird: Mit Ostereier-Suchen, einem ausgiebigen Osterfrühstück samt anschließendem Osterspaziergang mit der ganzen Familie? Kurzum als Ostersonntag, wie man ihn seit Lebzeiten kennt, ihn inzwischen mit dem eigenen Nachwuchs so zelebriert, das man ihn längst nicht mehr missen möchte: Eben als Ritual.

Grundbedürfnis der Menschen

Rituale bestimmen aber nicht nur christliche Feiertage, sie haben auch großen Einfluss auf das alltägliche Leben. Dazu zählen beim einen der Espresso am Morgen, beim anderen der Blick in den Lieblingsteil der Zeitung, sobald er in der U-Bahn sitzt, oder das Glas Weißwein, das man sich am Abend gönnt: Rituale sind Wiederholungen, die zwingend notwendig erscheinen, ohne die ein Tag nicht erfolgreich verläuft; oder schlicht immer wiederkehrende Abläufe, die Spaß machen. So meint auch der Benediktinermönch Anselm Grün ob der einem Ritual gelegentlich innewohnenden Eigentümlichkeit bestärkend: "Ein Ritual ist etwas, auf das ich mich täglich freue."

Eigentlich seltsam, wo doch der Mensch Abwechslung liebt, Abenteuer sucht, weil er sich schnell langweilt? Nein, Rituale scheinen nach Ansicht von Wissenschaftlern ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein, die in allen Kulturen zu allen Zeiten zu finden sind. Der Ritus, wie das Ritual einst genannt wurde, ist nämlich uralt: Mit ihm war der Prozess festgelegt, wie kultische Handlungen durchzuführen waren. Rituale und Feste als regelmäßig wiederkehrende Handlungsund Kommunikationsabläufe prägen immer noch unsere Gesellschaften: So lassen sich etwa Menschen in ähnlichen Verfahren initiieren (firmen, konfirmieren) oder auch verheiraten. Diese Riten setzen Zäsuren im Leben eines einzelnen, sind Glanzlichter. Sie schaffen gemeinsame Erinnerungen und einen Zusammenhalt innerhalb der am Ritus Beteiligten. Auch strömt das Begehen bestimmter Rituale eine Art Beruhigung aus. Doch warum? Rituale brauchen nicht hinterfragt zu werden. Sie bieten uns die Sicherheit, alles richtig zu machen.

Die Welt kommt zur Ruhe

Sicherheit! Ein verheißungsvolles Wort in Zeiten, in denen immer weniger sicher erscheint: Der Arbeitsplatz, die Ausbildung, die Beziehung, die Rente, die "optimale" Kindererziehung, damit es der Nachwuchs einmal besser hat. Angst und Sorgen scheinen allerorten der Normalzustand. Da schaffen Rituale Entlastung und dringend benötigte Hilfe: Während gemeinsamer regelmäßiger Unternehmungen innerhalb der Familie oder mit Freunden können Probleme besprochen werden. "Da kommt die Welt für eine Zeit lang zur Ruhe und wir in ihr", ergänzt Autor Ernst Heiko.

Apropos Ruhe: Auch Kinder brauchen nach Ansicht der Augsburger Kinderärztin Elisabeth Blaettner eigene Rituale, um zur Ruhe zu kommen: So wirken sich Kuscheln oder gemeinsames Lesen mit den Eltern positiv auf ihren Schlaf aus. Und was erreicht ein im Familienkreis eingenommenes Frühstück samt Abschiedskuss, bevor sich das Kind auf den Schulweg macht? Die Pflege dieses morgendlichen Rituals hat nach Untersuchungen sogar Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, stärkt das Selbstwertgefühl, die Intelligenz und Widerstandskraft.

Skeptiker fürchten manipulative Kraft

"Kinder können sich besser und freier entwickeln, wenn sie in ihrem Zuhause das Gefühl von Geborgenheit und Halt bekommen. Rituale vermitteln diese Sicherheit und zeigen dem Kind: Wir sind eine Familie", schreibt Buchautorin Cornelia Nitsch. Doch die Wichtigkeit von Ritualen überzeugte nicht immer: "Die Skepsis gegenüber den Ritualisierungen und deren Diffamierung als Ritualismus wurde weit über die Linke hinaus rezipiert", so Professor Winfried Haunerland, Liturgiewissenschaftler an der LMU München. Politischer und religiöser Missbrauch der Menschen wurde und wird den Ritualen vorgeworfen, denn sie verfestigen wegen ihrer manipulativen Kraft hierarchische Strukturen.

Aber stimmt das? Die Sehnsucht nach Ritualen scheint groß, wie aber auch gleichzeitig die Schwierigkeit, diese umzusetzen. Laut Umfragen schätzen 80 bis 90 Prozent der Kinder den Familientisch als einen Ort der Kommunikation, Gemütlichkeit und Entlastung von Sorgen. Tatsache ist jedoch, dass sich zwei Drittel der Familien überhaupt nicht oder höchstens einmal am Tag zu einer gemeinsamen Mahlzeit treffen. Ehepartner haben noch weniger Zeit für einander: In Deutschland sprechen sie statistisch angeblich nicht mehr als zehn Minuten miteinander, in den USA seien es nur mehr vier Minuten. Da bleiben ein Austausch und die gemeinsame, folglich bessere Bewältung von Stress auf der Strecke. Denn beim gemeinsamen Fernsehschauen können nun mal keine Probleme konstruktiv besprochen werden.

Osterfest als Herausforderung

Mittlerweile hat das Ritual wieder Konjunktur: Psychotherapeuten haben seine heilsame Bedeutung in schwierigen Zeiten entdeckt. "Der Glaube an die religiöse Instanz ist ersetzt worden durch den Glauben an die Naturwissenschaften, die die Beherrschung der Natur verheißen. So ist das Festhalten am Begriff des Rituals gewissermaßen der Einspruch gegen die Säkularisierung unserer Gegenwart", meint Gerhard Bliersbach, Diplompsychologe und Buchautor. "Der Mensch ist ohne Rituale überfordert", fügt Haunerland hinzu. "Wir brauchen das Bewährte, das Wiederholbare, die Orientierungspunkte im Leben".

Dazu verhelfen auch als Eckpunkte im Jahresablauf christliche Feste. Das Weihnachtsfest macht es den Gläubigen da einfacher als das Osterfest: "Das Feiern der Geburt Christi am 24. Dezember rührt uns emotional viel stärker an, als das nüchterne, ernste Osterfest: Der Karfreitag mit der Kreuzverehrung zeigt die Brutalität des Menschen auf, während die Osternacht mit den langen Lesungen samt dem Glaubensbekenntnis an sich schon eine Herausforderung für den Menschen ist", ist Haunerland überzeugt. So "durchlitt" man auf dem Land bis in die 70-er Jahre die entbehrungsreiche Fastenzeit als Teil einer Dorfgemeinschaft, um dann aber auch in der Gemeinschaft die gesegneten Osterspeisen mit Eiern, Schinken, Salz zu genießen. "Da spielt es keine Rolle, ob nun die Speisensegnung als Ritual aus der Liturgie oder eine Ostereiersuche ,nur‘ aus dem Volksbrauchtum stammen", meint der Münchner Theologe.

Noch einen Vorteil hat die Einhaltung von Ritualen: "Es ist spannender, wenn unterschiedliche Zeiten unterschiedlich wahrgenommen werden", erläutert Haunerland. Da mache der stets gleiche Ablauf des Osterfestes Sinn. Und für die Überraschungen ist schließlich der Osterhase zuständig . . .

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