Die neuen Ideale der Universität

- Universitäten, die unter dem Druck der Globalisierung im internationalen Wettbewerb eine Zukunft haben wollen, können sich nicht mehr auf das Humboldt'sche Bildungsideal verlassen. Sie müssen neue, reformerische Ziele anpeilen. Nur - welche sind die richtigen? Und haben die Bildungsideen von Humboldt in dieser Zukunft überhaupt noch einen Platz? Darüber streiten sich Wissenschaftler, Hochschullehrer und Bildungspolitiker. Bei einem Symposium an der Ludwig-Maximilians-Universität bemühte man sich um Antworten, die eine Neuorientierung einleiten könnten.

<P>Traditionell basiert die deutsche Universitätskultur auf dem Humboldtschen Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. "Doch hier hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen, und nicht unbedingt zum Besseren", so der Rektor der LMU, Bernd Huber in seiner Einführung zu der Tagung, die von der Hanns-Martin Schleyer- und der Heinz Nixdorf-Stiftung getragen wurde.<BR><BR>Die moderne Universität widme sich nicht mehr der Wissenschaft an sich, sondern einer technokratischen Wissenschaft. Hochschulen seien mehr und mehr Ausbildungs- statt Bildungsstätten, und die Forschung in ihren Hallen werde bestimmt von der Forderung nach Innovationen, die wiederum das Wirtschaftswachstum fördern. Dieser Trend dürfe aber auch im Zeitalter der Globalisierung nicht so ohne weiteres hingenommen werden, mahnte Huber eine Neuorientierung in der Wissenschaft an: "Wissenschaft ist primär ein Prozess des Fragen, Erklärens und Verstehens." <BR><BR>Fürs Elite-Ziel: 10 Prozent weniger Studiengänge<BR><BR>Im internationalen Wettbewerb an Eliteuniversitäten zu denken, dies hält Huber allerdings für sehr wichtig.<BR>Der LMU-Chef betonte in diesem Zusammenhang erneut das Ziel seiner Hochschule für die nächsten Jahre: "Wir werden 10 Prozent der Studiengänge aufgeben, um uns international positionieren zu können.<BR><BR>Der Bonner Jurist Udo Di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht, mahnte ebenfalls die Freiheit der Forschung an und eine weltoffene Universität, die auch immer wieder nach dem Sinn fragt und sich nicht einem "sozialtechnischen" Willenseifer ergebe. Über die Zukunft entscheide die Kreativität der Menschen in der Universität, so Di Fabio. Zugleich müsse diese Universität aber auch ein "elastisches, flexibles System" der Lehre anbieten, das auch den Verbund mit der Schule nicht scheut.<BR><BR>Der britische Materialwissenschaftler Sir Richard John Brock von der Universität Oxford, Mitglied der Expertenkommission "Wissenschaftsland Bayern 2020" und Vorsitzender der britischen Forschungsgemeinschaft (The Leverhulme Trust) sieht Deutschland im europäischen Wissenschaftswettbewerb gut positioniert: könnten die Wissenschaftler doch auf ein gutes Hochschulsystem und auf die Max-Planck- und die Fraunhofer-Gesellschaft bauen - "lobenswerte und erfolgreiche Forschungsstätten" außerhalb der Hochschulen. Für die Zukunft der Universität aber sei es wichtig, hier engere Kontakte zu knüpfen und mehr zusammen zu arbeiten. Lobenswerte Ansätze dazu gebe es bereits, meint Brook. Kritisch merkte er dagegen die derzeitige Evaluationswelle an den Hochschulen an.<BR><BR>"Erfolg bei der Evaluation scheint wichtiger zu sein als Erfolg bei der Forschung selbst."<BR>Vorsicht vor zu viel Evaluation</P><P>Als entscheidenden Bestandteil einer Reform der Hochschullandschaft werteten die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion die "Cluster-Bildung" mit Forschungszentren, die auf Interdisziplinarität basieren.<BR>Die fächerübergreifende Forschung sei auch eine Chance, unterschiedliche Wissenschaften als ein Ganzes zu betrachten. Einen Bruch zwischen Natur-und Geisteswissenschaften gäbe es dann nicht, so die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte von der Freien Universität Berlin: "Naturwissenschaften sind von Menschen geschaffen, also sind sie Geisteswissenschaften."<BR><BR>Doch auch wenn man sich über den Trend hin zu interdisziplinärer Forschung einig ist, bleibt doch die Frage nach besseren Studienbedingungen und deren Realisierung. <BR><BR>"Gelehrte und Lernende sind nicht für einander da, beide sind für die Wissenschaft", zitierte der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, den Namensgeber seiner Uni, Wilhelm von Humboldt. Bessere Lehr- und Studienbedingungen seien der einzige Weg in die Zukunft. Ob diese auf den neuen Studienabschlüssen BA und MA basieren könne, sei noch nicht geklärt. Das BA-MA-System brächte eine "Verschulung, Einschränkung der Kreativität und einen Bruch zwischen Forschung und Lehre" mit sich. <BR><BR>Julian Nida-Rümelin vom Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft halt dieses Studien-Konzept noch nicht für ausgereift. Ermahnte das alte Bildungsideal an: "Die Universitäten waren in ihrer Geschichte immer unabhängige Bildungseinrichtungen und erfolgreich, da sie keine Ausbildungsstätten waren." Die neuen Studiengänge entsprächen eher einer Ausbildung und seien für eine Universität nicht adäquat. Deren Absolventen müssten ein breites Wissensspektrum haben, so dass sie später verschiedenste Arbeitsplätze fänden.</P>

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