Neues Herz trotz falscher Blutgruppe

- München - Sechs Monate lebt der kleine Luis jetzt auf dieser Welt, und dass er es bis heute geschafft hat und sich zu einem gesunden Baby entwickelt, ist eine medizinische Sensation. Denn in der Brust des Säuglings schlägt das Herz eines toten Babys, das eine andere Blutgruppe hatte. Der kleine Luis und ein sechs Monate altes Mädchen haben im Dezember jeweils ein Herz erhalten, obwohl die Blutgruppe der Spender nicht passte.

<P>Beide Herzen arbeiten einwandfrei. Luis, der unter einer angeborenen Herzmuskelerkrankung litt und zweimal wiederbelebt werden musste, bevor ihm ein neues Herz eingepflanzt werden konnte, ist jetzt schon ziemlich fit und auf der Normalstation untergebracht.</P><P>Die ersten Erfolge in Europa</P><P>Das kleine Mädchen, das an einem "Porzellanherzen" litt, bei dem die linke Kammer verkümmert war, liegt noch auf der Intensivstation, weil auch eine Niere versagte.<BR>Bisher galt als unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Transplantation, dass die Blutgruppen zwischen Organspender und -empfänger übereinstimmen. "Leider haben aber gerade deshalb bisher viele Säuglinge die Wartezeit nicht überlebt", erläutert der Münchner Kinderkardiologe Prof. Heinrich Netz vom Universitätsklinikum Großhadern die Vorgeschichte. </P><P>"Es werden uns zwar von Eurotransplant immer wieder Herzen von verstorbenen Babys und Kleinkindern gemeldet, aber meist zur falschen Zeit mit der falschen Blutgruppe. Darum wurde unter Transplantationsmedizinern immer öfter darüber nachgedacht, ob man diese Grenze nicht überschreiten könnte." </P><P>In der Herzchirurgischen Uniklinik von Großhadern hat der Chef, Professor Bruno Reichart, mit seinem Operationsteam diesen Schritt gewagt: Die Verpflanzung je eines "nicht kompatiblen" Herzens bei zwei Kindern, die sonst gestorben wären.</P><P>Der Trick, der die Kinder rettete: Ihr Blut wurde vor der Operation über die Herz-Lungen-Maschine in einen Filter gleitet, der das Blutplasma mitsamt den Antikörpern gegen falsche Blutgruppen herauswusch, während neues Plasma zugeführt wurde. Erst als bei den Tests im Blutbanklabor keine Antikörper mehr gefunden wurden, begann die leitende Herzchirurgin, Professorin Sabine Däbritz, mit der Herzverpflanzung. "In der Intensivphase nach der Transplantation wurde gleich mit einer speziellen, die körpereigene Abwehr unterdrückenden Therapie begonnen, aber bisher haben wir keine Abstoßungsreaktionen beobachtet", sagt Herzchirurgiechef Reichart.</P><P>Die Operationen fanden schon im Dezember statt, aber die Klinik wollte erst die Ergebnisse abwarten, die in Europa im gesamten Verteilungsgebiet der Organzentrale Eurotransplant bisher einzigartig sind.</P><P>"Nun hoffen wir natürlich auf weitere erfolgreiche Transplantationen bei Säuglingen und vielleicht auch bei Kleinkindern bis zwei Jahre, die in Lebensgefahr sind, wenn sie kein Herz bekommen", sagt Netz. Bis zum Alter von zwei Jahren reift das Immunsystem des Menschen erst aus, deshalb ist hier die Chance größer, die Antikörper gegen einen falsche Blutgruppe komplett zu eliminieren. Künftig werden jedenfalls mehr Babys einen lebensgefährlichen angeborenen Herzfehler überleben, davon sind die Ärzte überzeugt.</P><P>Im Klinikum Großhadern wird aber auch betont, dass derartige wagemutige Schritte in medizinisches Neuland nur möglich sind, wenn alle beteiligten Abteilungen in einem Klinikum eng zusammenarbeiten.</P><P>Der Erfolg dieser Zusammenarbeit wird auch ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Kindertransplantationszentrum angesehen, das an der Ludwig-Maximilians-Universität geplant ist.</P>

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