Oft nicht erkannt: die Depression im Alter

- Magenschmerzen? Lediglich eine kleine Verstimmung, sagt der Arzt. Wahrscheinlich zu fett und zu scharf gegessen. Und die Rückenschmerzen? Da sich bei Untersuchung der Wirbelsäule keine schweren Bandscheibenschäden gezeigt haben, empfiehlt der Doktor vor allem mehr Bewegung. Wenn nur diese ständige Niedergeschlagenheit, diese innere Lähmung, die ständige Müdigkeit und Hilflosigkeit nicht wären, würde es ja möglicherweise mit mehr Spazierengehen oder Schwimmen klappen. Aber so?

<P>Viele Menschen machen solche Erfahrungen. Die meisten erholen sich aber wieder von ihrem "Tief" tatsächlich. Doch da gibt es auch jene, für die die Welt zusehends trübe wird. Eine immer öfter hochkriechende Angst wechselt mit Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen. Unerkannt, von Ärzten oft übersehen und vom Umfeld missverstanden, hat eine Depression den Menschen gepackt.<BR><BR> Depressionen sind die häufigsten psychischen Störungen bei alten Menschen. Die Symptome sind nicht grundlegend anders als im jüngeren Erwachsenenalter. Doch ein Unterschied müsse unbedingt beachtet werden, betonen Experten: Im Gegensatz zu Jüngeren äußern sich alte Menschen kaum über ihr Leiden. "Allzu häufig wird mangelnde Energie und Hoffnungslosigkeit bei älteren Menschen mit dem natürlichen Alterungsprozess erklärt, betont der Psychiater Professor Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Sprecher des bundesweiten Kompetenznetzes Depression.<BR><BR>"Zu wenige Betroffene und zu wenige Menschen in ihrer Umgebung erkennen hinter den körperlichen und psychischen Beschwerden eine depressive Erkrankung", sagt Hegerl. Damit bleibe die notwendige Therapie aus, obwohl Depressionen heute gut behandelbar sind. <BR><BR> Da Menschen, die wegen ihres körperlichen und seelischen Gesundheitszustandes in Alten- und Pflegeheimen leben, noch ein höheres Risiko einer Depression haben und weil die Vielfalt der Beschwerden die Diagnostik erschwert, ist der Weg in die soziale Isolation, zu Folgekrankheiten und möglicherweise zum Suizid vorgezeichnet. <BR><BR>Ärzte, Altenpflegekräfte und Senioren über die Risiken und mögliche Therapien zu informieren, das haben sich die Mitglieder des Kompetenznetzes Depression vorgenommen.<BR>Gemeinsam mit dem Bündnis gegen Depression und dem bayerischen Gesundheitsministerium entstand ein Schulungsprogramm, in dessen Verlauf nun 6000 Pflegekräfte mit den für die Altersdepression typischen Symptomen vertraut gemacht werden sollen. Vor allem sollen die Altenpflegekräfte zum Vermittler zwischen Heimbewohnern, Arzt und Angehörigen werden. <BR><BR>Anja Ziervogel, als Psychogerontologin beim europaweiten Verein "Bündnis gegen Depression", freut sich über die vielen Anfragen aus dem Bundesgebiet. Sie sieht zwar einige positive Entwicklungen, aber auch veränderungsbedürftige Zustände. "Wir beobachten, dass immer mehr Ärzte statt Schlafmitteln Antidepressiva verschreiben, auch Hausärzte. Umgekehrt aber haben Senioren häufig noch die Vorstellung, dass Alter gleich Depression sei. Hier wird einfach noch zu häufig ein falsches Gesellschaftsbild gelebt." </P><P>Dass Depression eine therapierbare Krankheit ist, wird sich durch Aufklärungsprogramme vielleicht herumsprechen. Immerhin haben Menschen im Alter von 65 Jahren noch ein ganzes Drittel ihres Lebens vor sich. Doch zur Behandlung gehört auch die psychosoziale Betreuung. Zeitnot in denPflegeheimen und zu wenige psychosoziale ambulante Anlaufstellen für Senioren, die in der eigenen Wohnung leben, machen die geforderte Betreuung oft genug zum eigentlichen Problem. Psychiater und Psychologen setzen auf eine Sensibilisierung der Gesellschaft. Denn unsere Lebenserwartung steigt kontinuierlich an. </P><P><BR> </P>

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