Nicht so kuschelig wie im Zentrum

- Fast 100 000 Studierende strömen jeden Tag - außer in den Semesterferien - in die Hörsäle, Übungsräume und Labors der Hochschulen im Großraum München. Wir haben einigen Studentinnen und Studenten an einem Tag über die Schulter geschaut, um ihren Studienweg und den Arbeitsplatz aus ihrer ganz persönlichen Perspektive mitzuerleben. Heute: Julia Behne (25), Pharmazie-Studentin.

<P>Wenn Julia Behne morgens in den Innenhof des High-Tech-Campus in Großhadern tritt, steht sie einem ernsten Gesicht gegenüber: Adolf von Baeyer, Chemie-Nobelpreisträger von 1905, thront vor einer Metall- und Glasfassade. Sein überlebensgroßes Standbild wirkt würdevoll und mahnend, gerade so als ob er zu eifrigem Lernen und Studieren auffordere. </P><P>"Hier stehen klar Forschung und Lehre im Vordergrund, nicht das Studentenleben", sagt die Pharmazie-Studentin der Ludwig-Maximilians- Universität angesichts der etwas steril wirkenden Institutsgebäude. </P><P>Nach Vorlesungen in Biochemie und Pharmazeutischer Biologie, für die sie schon um halb acht ihre Schwabinger Wohnung verlassen hat, genießt die 25-Jährige ihre Mittagspause im Freien. </P><P>Ein warmer Sommerwind streicht durch den Hof. Doch von Urlaubsgedanken sind viele der Studenten, die auf Bänken und der Wiese sitzen, weit entfernt. Die meisten blättern in Skripten oder Fachbüchern. Auf dem Gras liegt ein Student, der sich, ganz vertieft in seine Karteikarten, mit Ohrstöpseln von der ohnehin dezenten Geräuschkulisse abschottet. </P><P>Am Mittag ein Schwätzchen mit den Mitstudenten in einem netten Café? Auf dem High-Tech-Campus Fehlanzeige, wie Julia Behne bedauert. Stattdessen versorgt eine Cafeteria die Hochschüler mit Snacks, Getränken und Stiel-Eis aus dem Automaten. Flair fehle dem Campus, der außer Pharmazeuten angehende Biologen und Chemiker beheimatet, schon ein wenig, meint sie. "So kuschelig wie rund um die Uni in der Innenstadt ist es hier nicht." </P><P>Fehlanzeige bei der Suche nach Flair</P><P>Dafür gebe es "astreine Labors und eine Top-Ausstattung", urteilt die gebürtige Westfälin, bevor sie hinter einer der gläsernen Fassaden verschwindet - zur Besprechung für das Seminar "Klinische Pharmazie". </P><P>In einer fünfköpfigen Gruppe muss die Studentin nämlich ein Beratungsgespräch zum Thema Wechseljahre nachspielen. "Das wird sicher sehr lustig", freut sich die künftige Apothekerin. Sie ist im sechsten Semester und hat das erste Staatsexamen hinter sich. "Jetzt, im Hauptstudium, lernen wir die Dinge, wegen denen ich Pharmazie studiere", sagt sie. "Zum Beispiel die Wirkungen von Arzneimitteln." Freude bereitet der Studentin auch das Biochemie-Praktikum. Ausgerüstet mit weißem Kittel und Schutzbrille ist Julia jede Woche an vier Nachmittagen je vier Stunden im Labor tätig - als Forscherin und zugleich Versuchskaninchen. </P><P>An diesem Tag lässt die Studentin ihr Blut darauf untersuchen, ob sie allergisch gegen Gräserpollen ist. Mit einer Pipette träufelt sie mehrere Lösungen zur Blutprobe und gibt sie in die Zentrifuge. Plasma und rote Blutkörperchen werden voneinander getrennt. </P><P>Nachdem sie das Plasma auf eine Platte aufgetragen und einige Flüssigkeiten dazu gegeben hat, steht fest: Die Studentin Julia Behne ist nicht allergisch. Zufrieden baut sie die Versuchsanordnung ab und verlässt das Labor. Während sich die Abendsonne in den Gebäude-Fronten spiegelt, geht Julia zur U-Bahn. "Nach Uni-Schluss verlasse ich den Campus immer sofort", sagt sie. "Hier kann man nur schwer abschalten." Schließlich ist da immer dieser ernste Blick Adolf von Baeyers.</P>

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