Nicht nur Menschen - auch Schafe haben Gefühle

- Wie tröstet man ein einsames Schaf? Wie einen einsamen Menschen - mit Fotos von den Liebsten. Wie viele Menschen sind auch Schafe nicht gerne alleine. Trennt man sie von der Herde, laufen sie unruhig umher und blöken aufgeregt. Sie schütten verstärkt die Stresshormone Adrenalin und Kortisol aus, und ihr Herz rast: Der Puls steigt von 94 auf 113 Schläge pro Minute, berichtet der Hirnforscher Keith Kendrick in der jüngsten Ausgabe des Fachjournals Proceedings of the Royal Society of London.

<P>Für ihre Versuche sperrte das Forscherteam der Universität Cambrigde 40 walisische Flachlandschafe der Rasse Clun Forest jeweils alleine eine halbe Stunde in einen Pferch. An die Rückwand hefteten sie zunächst vier Bilder mit stilisierten Schafsgesichtern, hellen, auf der Spitze stehenden Dreiecken, die keinerlei Wirkung auf die verängstigten Vierbeiner zeigten. Diese Bilder wurden nach einer Viertelstunde durch Fotos von Schafen ersetzt. Sofort beruhigten sich die isolierten Tiere. Sie suchten die Nähe der Porträts und betrachteten sie ausgiebig. Dabei schlug ihr Herz nur noch 93 Mal in der Minute, der Stresshormonspiegel sank um mehr als die Hälfte, und das unglückliche Blöken verstummte nahezu.</P><P>Porträts von Ziegen hatten ebenfalls einen, wenn auch geringeren beruhigenden Effekt. "Die Porträtbilder beeinflussten jeden einzelnen der von uns gemessenen Stress- und Angst-Werte", so erklärt Kendrick. Während der Isolation beobachteten die Wissenschaftler die Schafshirne. Es zeigte sich, dass die gleichen Areale wie beim Menschen beim Erkennen von Gesichtern, bei positiven Gefühlen oder Stress und Angst erregt werden. Um das Ergebnis nicht durch individuelle Zu-oder Abneigungen der Probanden zu verfälschen, verwendeten die Forscher nur Fotos fremder Schafe der gleichen Rasse. Denn in früheren Versuchen hatte Kendrick herausgefunden, dass die Tiere individuelle Sympathien entwickeln und in der Lage sind, sich mindestens 50 Gesichter von Artgenossen und zehn von Menschen über zwei Jahre und länger zu merken.</P><P>Auch das tun sie mit den gleichen Hirnregionen wie der Mensch. Die Forscher zeigten den Tieren Fotos von alten Bekannten - ehemaligen Herdenmitgliedern oder Schäfern. Das aktivierte die rechte Hirnhälfte, wie beim Menschen, wenn dieser bekannte Gesichter sieht oder sich in Erinnerung ruft. Auch die Schafe selbst reagierten auf die Bilder - mit einem Begrüßungsblöken. "Schafe können besser Schafs- als Menschengesichter unterscheiden", so Kendrick, "beim Menschen ist es eher umgekehrt." </P><P>Noch erstaunlicher ist, dass Schafe manche Gesichter sozial oder sexuell anziehender finden als andere. Kendrick bot den Tieren in einem Versuch Futter hinter zwei Türen an. Auf die Türen, die die Vierbeiner leicht mit dem Kopf aufstoßen konnten, heftete er je ein Foto mit einem freundlichen und einem ärgerlichen Menschenantlitz oder einem ängstlichen und einem entspannten Schafskopf. Die Schafe konnten wählen, welche Tür sie aufdrückten. "Sehr schnell zogen sie es vor, das zufriedene Tier oder den lächelnden Menschen zu drücken. Dabei wählten sie lieber vertraute Mienen als fremde." Auch zeigten die Versuche mit weiblichen Schafen, dass diese sich eher zu Ge-schlechtsgenossinnen hingezogen fühlen - außer an den fruchtbaren Zyklustagen.</P><P>Wenn Schafe die Fähigkeit besitzen, Gesichter zu unterscheiden, können das sicher auch andere Säugetiere, vermutet der Wissenschaftler. "Außerdem stellen die Ergebnisse die These in Frage, dass beim Menschen die rechte Hirnhälfte bei der Gesichtserkennung dominiert, weil auf der linken die Sprachfähigkeiten sitzen - außer natürlich, wir unterstellten den Schafen ähnliche Sprachfähigkeiten wie uns." Wenn also bei Schafen die gleichen Hirnareale und neuronalen Schaltkreise aktiviert werden wie beim Menschen, der bekannte Gesichter sieht, könnte das bedeuten, "dass Schafe dasselbe System auch nutzen, um sich an abwesende Individuen zu erinnern und sich emotional mit ihnen zu beschäftigen". Kendrick hofft, durch seine Forschungen in Zukunft Erkrankungen von Menschen besser zu verstehen, denen die Fähigkeit verloren ging, Gesichter und Dinge zu erkennen. </P>

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