Nierenerkrankungen spürt man nicht

- In der Medizinischen Poliklinik der Uni München herrscht reger Betrieb. Frauen und Männer drängen sich in den Fluren zwischen Toiletten und Behandlungszimmern. In ihren Händen halten sie Becher und warten darauf, dass ihr Blutdruck gemessen und ihr Urin unter die Lupe genommen wird. "Wo gibt es die Becher?" fragt eine ältere Dame. Und eine jüngere Frau ärgert sich: "Warum drängeln die so?"

Mit so vielen Menschen hat der Internist Professor Michael Fischereder bei der bundesweiten Nierenwoche nicht gerechnet. Überwiegend ältere Menschen haben das Angebot genutzt, kostenlos die Nieren untersuchen zu lassen. "Eine repräsentative Gruppe", kommentiert der Leiter der Ambulanz, denn "die meisten Menschen erkranken mit fünfzig oder sechzig an den Nieren".

Oft haben sie hohen Blutdruck, der die Nieren schädigen kann. "Das muss nicht erst Folge der Erkrankung sein", erklärt Fischereder. Bei Bluthochdruck verdicken und verkalken kleinste Blutgefäße und beeinträchtigen so die Funktion des Organs. "Der Patient spürt die Nierenerkrankung nicht, sie wird meist zufällig oder aufgrund anderer Symptome entdeckt, etwa am Bluthochdruck oder an Eiweißen, Blut oder Zucker im Urin", erläutert der Arzt. Deshalb werden jetzt Urin und Blutdruck untersucht.

Tatsächlich haben einige Patienten Bluthochdruck. Bei anderen deuten Blut oder Eiweiß im Urin auf eine Nierenentzündung hin. Sehr häufig, auch schon im mittleren Erwachsenenalter, handelt es sich um die "IGA-Erkrankung". Dabei entzünden und vernarben die für die Filterung zuständigen Nierenkörperchen. Bei zusätzlich hohem Blutdruck "ist die Gefahr der Vernarbung besonders groß", so der Nierenspezialist.

Bei einigen Patienten ergab sich ein erstmaliger Verdacht auf einen Alterszucker: Sie hatten Zucker im Urin. "Diabetes mellitus führt in diesem Alter am häufigsten zur Dialysepflichtigkeit", sagt Fischereder, das heißt, der Patient muss zur Blutwäsche. Zwei Patienten werden wegen Nierenkolik und Harnwegsinfekt unmittelbar zur Behandlung überwiesen. Aber auch die anderen, bei denen eine Erkrankung festgestellt wird, müssen weiter behandelt werden.

Eigentlich wäre es Aufgabe der Hausärzte, mögliche Erkrankungen zu identifizieren, gerade auch bei jungen Menschen. Aber nur wenige tun das, monierte Fischereder, der die Menschen mit der Aktion auf die Ernsthaftigkeit von Nierenerkrankungen aufmerksam machen wollte. So erklärte er auch, dass Bluthochdruck ein Hinweis auf "angeborene Zystennieren" sein kann, die sich ab dem vierzigsten Lebensjahr bemerkbar machen und zum Nierenversagen führen können: Giftige Harninhaltsstoffe werden nicht mehr ausgeschieden und reichern sich im Blut an.

"Leider wird eine Erkrankung oft erst dann erkannt, wenn der Patient schon zur Dialyse muss oder eine neue Niere braucht", beklagt Fischereder. Allein in Deutschland seien es 80 000 Menschen jährlich. Deshalb rät er zur Vorsorgeuntersuchung beim Hausarzt.

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