Die Politik macht die Menschen krank

- München - Krankenversicherungszuschläge für Risikosportarten, Ausgrenzung von Unfällen aus dem Leistungskatalog, Ärzte-TÜV, Nullrunden, Minusrunden und, und, und. Die Probleme im Gesundheitswesen werden verschoben, nicht gelöst. Unzweifelhaft ist die Medizin mit ihren aufwändigen diagnostischen und therapeutischen Verfahren teurer geworden, aber auch effektiver. Menschen können geheilt werden, die vor Jahren noch dem Tod geweiht waren.

<P>So gewinnt ein Lance Armstrong nach der chemotherapeutischen Heilung seines metastasierenden Hodenkarzinoms viermal die Tour de France. Die Medizin ist aber auch ein Berufs- und Industriezweig, der Investitionen tätigen und Gewinne machen muss. Ganz egal, ob es nun die vielfach geschmähte Pharmaindustrie oder der mittelständische Hausarzt ist. Auch Forschung und Fortbildung kosten Geld.<BR><BR>Dem medizinischen Fortschritt steht damit ein wachsender Kostenberg gegenüber, der immer schwerer bezahlbar wird, zumal auch die Zahl so genannter Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht, Stoffwechselstörungen, Gefäßerkrankungen, Stress-Schäden und degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates immer höher wird. Gegensteuernd setzt nun der eingangs beschriebene Denkprozess mit einem naiven Maßnahmenkatalog zur Kostendämpfung ein.<BR><BR>Als Sündenböcke dienen die Ärzte. Aber nicht die Ärzte machen die Menschen krank, sondern Viren, Bakterien, Pilze, Tumorzellen, Unfälle, die Gesellschaft und die Politik, jawohl, die Politik! Oder wie ist es anders zu verstehen, dass unsere Wohlstandsgesellschaft immer mehr bewegungsmangelgeschädigte Kinder und Jugendliche produzieren kann, ohne dass von Seiten der Politik gegenregulatorische Maßnahmen eingeleitet werden?<BR><BR>Krankheiten, die früher dem höheren Lebensalter zuzuordnen waren, nehmen dramatisch zu, zum Beispiel Alterszucker und Fettstoffwechselstörungen bei Kindern. Bewegungsmangel induziert aber nicht nur körperliche Probleme, sondern begünstigt auch psychosoziale Fehlleistungen, wie erhöhte Aggressionsbereitschaft und Alkohol- und Drogenprobleme.<BR><BR>Statt nun von politischer Seite einzugreifen und die Notwendigkeit regelmäßiger körperlicher Belastung zu akzeptieren, werden die Sportstunden an den Schulen auf einem biologisch indiskutablen Niveau gehalten (zwei Wochenstunden an bayerischen Gymnasien). Unsere Kinder, von denen 40 % Haltungs- und Muskelschwächen, 30 % Übergewicht und 15 % psychosozial auffällige Verhaltensmuster aufweisen, werden einmal erwachsen und belasten mit den daraus resultierenden Folgeerkrankungen unser Sozialsystem mit einem enormen Kostenfaktor.<BR><BR>Was ist nun zu tun? Die Antwort ist so einfach wie die wissenschaftlich belegte Erkenntnis, dass eine regelmäßige sportliche Betätigung die Zahl der Rückenschmerz-Patienten um die Hälfte und die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr um durchschnittlich 25 Prozent reduziert. Für sämtliche Beteiligte an der Folgereaktion einer Erkrankung (Patienten, Versicherungsträger und Arbeitgeber), ist es günstiger, man wird erst gar nicht krank.<BR><BR>So simpel es nun klingt, regelmäßige Bewegung ist die beste Vorbeugung von Bewegungsmangel-Krankheiten. Das wissen wir alle, nur tun wir es nicht. Also müssen wir es lernen. Wo ginge es besser als im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule? Gerade hier müssen die Verantwortung, die Tatkraft und der Weitblick eines modernen Politikers ansetzen, den nicht nur das kurzfristige Tagesgeschäft interessiert, sondern die gesunde Entwicklung der Bürger und der sozialen Sicherungssysteme. </P><P>Das heißt, die Lehrpläne müssen so strukturiert werden, dass die Notwendigkeit der Bewegung bereits im Kindergarten gelehrt, gelernt und praktiziert wird. Sie sollte unvergesslich bleiben, wie das Zähneputzen. Für die praktische Umsetzung muss ausreichend Zeit (vier Wochenstunden) und individuelle Variationsbreite zur Verfügung stehen, sodass auch motorisch weniger begabte Schüler Freude an der Sportausübung zeigen. Sportunterricht als reiner Selbstzweck ist passé´, er ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit! Man kann nur hoffen, dass auch die Politik dies erkennt.</P><P>*) Dr. Ludwig V. Geiger ist ärztlicher Leiter des Instituts für angewandte Sport- und Präventivmedizin am Medical Park Chiemsee. Er ist offizieller Vertragspartner des Olympiastützpunktes Bayerns und Mannschaftsarzt im Deutschen Skiverband.<BR></P>

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