Polka an der Copacabana

- Händel unter Gummibäumen- ­ für die sechs Celli des Münchner Fachhochschul-Orchesters wird das ein Traum bleiben. Denn wenn ein Orchester auf Reisen geht, 10 000 Kilometer weit über den Atlantik, sind Hindernisse programmiert. Das erste trifft die Musiker schon am heimatlichen Flughafen. Celli in den Flieger?

Die Fluggesellschaft weiß nichts von den wuchtigen Zusatz-Passagieren. Obwohl das Reisebüro den Transport schriftlich zugesichert hat. "Eine Katastrophe", schimpft der Dirigent Professor Theodor Schmitt. Denn schon am nächsten Abend soll er den Auftakt geben zum ersten Konzert auf der südlichen Halbkugel. Mit fünf Auftritten in Rio de Janeiro und Belo Horizonte wollen 105 Mitglieder des Chors und Orchesters der FH die Beziehungen zu ihren brasilianischen Partner-Hochschulen stärken. Monatelang haben Dirigent Schmitt und Wolfram Heller, Professor für Werkstofftechnik, Chormitglied und erklärter Brasilienfan, die Reise akribisch geplant.

Deutsche Gründlichkeit trifft auf ein entspanntes Lächeln

Doch unter südlicher Sonne hat das Leben einen anderen Puls. Deutsche Gründlichkeit trifft dort nur auf ein entspanntes Lächeln. Ein neues Gesetz soll ermöglichen, dass wertvolle Instrumente ohne Zoll eingeführt werden können? Mag sein. Doch was tun, wenn der Beamte am Flughafen nichts von dem Gesetz weiß? Kein Problem. Ein Weg wird gefunden. Und auch sechs Celli stehen am Abend bereit.

"Wir sind eben in Brasilien", schwärmt Wolfram Heller. Er will seinen Musiker-Kollegen mit dem Land auch ein Stück seines Herzens zeigen. "Das schlägt zur Hälfte brasilianisch", sagt der vor Energie sprühende 67-Jährige und strahlt. Der Professor ist die treibende Kraft hinter der Mammut-Unternehmung und der langjährigen Partnerschaft zwischen der FH und mehreren Hochschulen in Brasilien. Die begann 1988 nach einem Europa-Besuch des brasilianischen Erziehungsministers. Das Centro Federal da Educaão Technologica (Cefet) in Brasilien nahm sich die praktische Ausbildung in Deutschland zum Vorbild. Bald tauschten die Hochschulen auch Studenten aus. Die Brasilien-Liebe Hellers war der Leim, der die Beziehungen festigte. "Ohne ihn wäre die Partnerschaft nicht so intensiv", sagt FH-Präsidentin Marion Schick, die zu den Konzerte ihrer Studenten mitgereist ist.

Mit Spannung fiebern die Musiker den Konzerten entgegen. Welches Publikum, welche Konzertsäle erwarten sie? Doch vor dem ersten Auftritt empfängt sie Rio, der Moloch Brasiliens. Seine Hügel überwuchern die wirren Wohnwürfel der Favelas, der Armutsviertel. Daneben türmen sich die spiegelnden Fassaden des anderen, reichen Rios in den Himmel. "Klassische Musik spielt hier bei weitem nicht die Rolle wie in München", sagt Schmitt. Die Konzerte der FH sind also nichts Alltägliches. Der Dirigent hat ein Programm gewählt, das den Zuhörern eine Fülle deutscher Musikstile nahebringt, von den anrührenden Melodien von Händels "Messias" über die süßen, dunklen Liedkläge der Romantik bis zur schmissigen Polka von Johann Strauß.

Der erste Konzertort bringt zunächst eine Dissonanz: Er hat den Charme eines Parkhauses. Hinter den Betonsäulen des Cefet-Innenhofs in Rio blicken Gummibäume und Palmen herein. Zwischen die Melancholie von "In einem kühlen Grunde" dringt quäkend der Schrei eines exotischen Vogels. Die Brasilianer aber trifft die Musik direkt ins Herz. Einer Frau tropfen beim "Messias" Tränen von den Backen. Nach jedem Stück schallt Applaus.

Auch die übrigen Konzerte begeistern, ob im Konzertsaal oder in der Kathedrale. Dass, wie Schmitt findet, die Akustik nicht immer optimal ist, stört offenbar niemanden. Beim letzten Konzert in Belo Horizonte grüßt wieder Parkhaus-Atmosphäre. Außerhalb der Überdachung braust tropischer Regen. Doch die Fans harren unter Schirmen aus, um noch dem letzten Weihnachtslied der Zugabe zu lauschen.

Und schließlich erfasst der Puls der südlichen Halbkugel auch die deutschen Musiker. Mit Trommeln und Rasseln vom Markt ist beim Abschlussfest schnell eine Samba-Truppe improvisiert. Die Bläser intonieren dazu ein kräftiges "La Bamba". Es muss wohl stimmen: Musik kennt keine Grenzen.

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