Pompeji: Ein Ort für kleine Geheimnisse

- Kurz nachdem die Tore von Pompeji morgens für die Touristen geöffnet werden, bietet die historische Ruinenstadt am Fuße des Vesuvs den Frühaufstehern noch einen mystischen Eindruck. Die gepflasterten Hauptstraßen, in denen einst Kaufleute ihre Waren feilboten, sind verlassen, in den luxuriösen Villen in den Seitengassen erleuchtet das flache Morgenlicht die kunstvollen Malereien an den Hauswänden.

<P>Nur einige herrenlose Hunde streunen um die Häuserblocks. Einst blühte in der vom Überfluss gesegneten Stadt das Leben. Pompeji war das Zentrum römischer Kultur am Golf von Neapel. Übrig geblieben sind die am besten erhaltenen Ruinen, die heute vom römischen Stadtleben zeugen. Über den wieder ausgegrabenen Ruinen thront im Dunst des neuen Tages der Vesuv. Der Vulkan, der Pompeji untergehen ließ.</P><P>Als Mitte August im Jahre 79 Chr. wieder einmal die Erde bebte, dachten sich die Menschen wenig. Zu oft hatten sie schon Erdstöße miterlebt, die von dem nahe gelegenen Vulkan ausgelöst wurden. Doch dieses Mal begnügte sich der Feuerberg nicht damit, nur die Erde erzittern zu lassen. Am Morgen des 24. August kam es zu jenem verheerenden Ausbruch, der Millionen Tonnen Lava, Bimsstein und Asche über die Stadt legte. Archäologen schätzen, dass damals in Pompeji etwa zweitausend Einwohner ums Leben kamen.</P><P>Weitere tausende von Opfern hat es in den ländlichen Gegenden gegeben. Die Kleinstadt Herculaneum erlitt ein noch schlimmeres Schicksal, denn während des Ausbruchs hatten sich sintflutartige Regenfälle und kondensierender Dampf aus dem Vulkan mit der Asche auf dem Berghang vermischt. Dieser brodelnde Schlamm floss den Berg herunter und begrub Herculaneum unter einem 13 Meter dicken Leichentuch. Die Rückkehr des Tageslichts deckte das ganze Ausmaß des Unglücks auf. Der große Kegel des Vesuvs war weggesprengt. Die südlichen und westlichen Abhänge des Berges wurden zur aschgrauen Einöde.</P><P>Acht Ortschaften verschwanden mit Pompeji: neben Herculaneum waren dies Stabiae, Oplontis, Leucopaetra, Taurania, Tora, Cossa und Sora. Pompeji und die anderen Orte gerieten im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit - bis Archäologen im 18. Jahrhundert mit ersten Ausgrabungen begannen. Heute ist die antike Stadt zu etwa zwei Dritteln freigelegt. Trotzdem ist Pompeji für die Wissenschaftler immer noch ein Ort, der für überraschende Ent-deckungen gut ist. Nicht einmal die endlosen Touristenströme, die sich Tag für Tag durch die Ruinenstadt wälzen, hindern Archäologen und Historiker daran, immer tiefer einzutauchen in das hellenistisch-römische Leben.</P><P>Derzeit erforschen Wissenschaftler vom Institut für Klassische Archäologie der Universitäten Leipzig und Heidelberg die Casa dei Postumii, ein Haus mitten in der Stadt, dessen Bewohner zu Zeiten des Vesuvausbruchs dem Mittelstand angehörten. "Wir wollen ein möglichst vollständiges Bild von Entwicklung, Aussehen und Funktion eines innerstädtischen Architekturkomplexes, einer so genannten ,insula' in Pompeji entwerfen", erklärt Felix Pirson vom Institut für Klassische Archäologie das Projekt, das vom Deutschen Archäologischen Institut und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften getragen wird.</P><P>"Die Casa dei Postumii und die im Westen und Süden anschließende Bebauung boten sich aus mehreren Gründen für ein solches Vorhaben an", sagt Pirson. "Die Anlage setzt sich aus einem großzügigen Atrium-Peristyl-Haus im Inneren des Komplexes sowie zahlreichen so genannten Tabernae, multifunktionale Geschäfts- und Wohneinheiten und mindestens zwei separaten Mietwohnungen im Obergeschoss zusammen." Atrium-Peristyl-Häuser waren mit einem Innenhof ausgestattet, der von einem Säulengang umgeben war. Sie waren ein typischer Bestandteil der damaligen griechisch-römischen Profan- und Palastarchitektur.</P><P>Die Leipziger Archäologen fertigten ein so genanntes "Datenbankgestütztes Raumbuch" an, mit dem sie in der Lage waren, Informationen von Baustrukturen, Fuß-, Decken- und Fußbodendekorationen sowie die Baugeschichte einzelner Räume aufzuzeichnen. Diese kombinierten sie dann mit Daten aus früheren Grabungsschichten. "Die frü-heste Nutzung des Areals in unserem Untersuchungsgebiet konnten wir für das späte siebte Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Die Funde gehören zu den ältesten datierbaren Siedlungsbefunden innerhalb des Stadtgebietes", sagt Pirson.</P><P>Mit geophysikalischen Methoden fanden die Archäologen auch heraus, dass schon im frühen zweiten Jahrhundert vor Christus ein Gebäude mit Peristyl errichtet wurde. Im späten zweiten oder ersten Jahrhundert v. Chr. folgte ein einfaches Hofhaus, das bereits auf die Via dell Abondanza, die Hauptgeschäftsstraße Pompejis, orientiert war. "In der frühen Kaiserzeit entstand dann die Casa dei Postumii als Atriumhaus, das nach Süden um einen einfachen Garten erweitert war", erklärt Pirson. "Das Haus war stark ökonomisch ausgerichtet", vermutet Pirson. "In das Haus waren Ladenzeilen integriert, die vom Peristyl aus zugänglich waren. Wohnen und Arbeiten gehen hier eine Synthese ein, die sich in ähnlicher Form bereits für das frühkaiserzeitliche Atriumhaus nachweisen lässt", erklärt der Archäologe.</P><P>"Pompeji birgt für die Wissenschaftler keine großen Geheimnisse mehr", räumt Pirson ein, doch man wird noch viele Details über das Leben in der römischen Stadt herausfinden. "Das Potenzial Pompejis liegt in der Kombination der günstigen Überlieferungssituation durch den katastrophalen Vulkanausbruch und der historischen Dimension der Stadt, deren Wurzeln bis ins siebte Jahrhundert vor Christus zurückreicht", schwärmt Pirson.</P><P>2700 Jahre nachdem die ersten Menschen die Gegend um Pompeji besiedelten, ebben die Touristenströme am frühen Abend nur langsam und widerwillig ab. Erst kurz vor Schließung der Tore findet das antike Pompeji wieder zur Einsamkeit und Ruhe zurück. Wer jetzt durch die Straßen wandert, kann ungestört seine Gedanken schweifen lassen und sich hineinversetzen in das Leben einer einst blühenden Metropole. </P>

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