Psychologisierung total: Von Sex bis Karriere, Management und Sport

- Hamburg - Boris Becker plaudert mit dem "Spiegel" - Thema und Titel des Gesprächs: "Ich". Ein Fußballspieler schildert auf Fragen eines einfühlsamen Reporters seine Emotionen nach dem verpassten Torschuss. Eine prominente Schauspielerin, Mitte 50, also im frühen Großmutteralter, berichtet im Fernsehen über ihren leidvollen Abschied von der Kindheit. Männer mitten im Berufsleben suchen bei therapeutischen Angeboten "Selbstvergewisserung". Die Psychologie ist heute allgegenwärtig.

<P>Die promovierte Historikerin Miriam Gebhardt aus München nennt diese Entwicklung in ihrem Buch "Sünde, Seele, Sex. Das Jahrhundert der Psychologie" (Deutsche Verlags-Anstalt, München, Euro 18,90) eine "Psychologisierung des Alltagsdenkens". Sie spricht auch von einer "Psychologisierung des Normalen". Sex, Partnerschaft, menschliche Beziehungen überhaupt, Karriere, Kindererziehung, Freizeit, Älterwerden - nichts scheint mehr ohne die Seelenkunde zu gehen.</P><P>In den Medien spiegelt sich das Phänomen besonders konzentriert wider: "Selbst der reinen Nachricht verpflichtete Magazine versuchen mehrmals im Jahr, ihre Auflage mit Psychothemen zu steigern", sagt die Expertin. Die speziellen Frauen- und Männerblätter lebten in weiten Teilen von Artikeln über Psychologie.</P><P>Die psychologischen Themen kehren in einer Regelmäßigkeit wieder, dass man an Gute-Nacht-Geschichten erinnert wird, die sich, um beruhigend zu wirken, bis auf den Wortlaut gleichen müssen, verzeichnet Gebhardt. Geübte Leserinnen von Frauenzeitschriften hätten vermutlich die sechs Psycho-Tipps zum Thema "Wie gut kennen Sie Ihren Partner?" längst auswendig gelernt - und freuten sich trotzdem immer wieder zu lesen, dass Geheimnisse eine Beziehung erst "richtig würzen".</P><P>Zu den weiteren Beobachtungen der Autorin gehört: Es scheint auch normal geworden zu sein, in Lebenskrisen nicht mehr ohne psychologischen Beistand über die Runden zu kommen. Rar geworden ist die aus der Antike stammende stoische Lebenshaltung, die von den Menschen verlangt, unabhängig von den Wechselfällen des Daseins glücklich zu sein, auch Schweres auszuhalten. Ebenso scheint die Bereitschaft, persönliche Probleme selbst zu lösen oder sich untereinander zu helfen, nachzulassen. Nur noch relativ wenige Menschen fragen nach den traditionellen Deutungen des Sinns der eigenen Existenz, etwa religiösen - zu Gunsten des Psycho-Booms.</P><P>Zur Psychologisierung des Daseins und zur Ausbreitung der Therapienachfrage gehört auch, dass Kernbereiche der gesellschaftlichen Realität so behandelt werden, als ob sie nach psychologischen "Gesetzen" funktionierten, konstatiert Gebhardt. Sie nennt hier etwa die Bereiche Organisationsmanagement, Werbung, politische Rhetorik, Kriminalitätsbekämpfung, Sozialfürsorge, Softwareentwicklung, Sport. Sie zitiert Jürgen Habermas mit dem Begriff "Therapeutokratie". Therapie findet, so schreibt der Sozialphilosoph, überall im "Normalen" statt.</P><P>Miriam Gebhardt möchte ihre Darstellung der Psychologisierung allerdings nicht negativ missverstanden wissen. Sie will mit ihrem Überblick über die Geschichte der Psychologie im 20. Jahrhundert "einen vorurteilsfreien Zugang zur ernsthaft betriebenen Psychologie ermöglichen". Deren Verdienst sei es, die in der westlichen Gesellschaft verlangte Individualität befördert zu haben. Diese Wissenschaftsdisziplin sei an die Stelle von repressiven, monopolistischen und undemokratischen Glaubenssystemen und obligatorischen Kollektivzugehörigkeiten getreten.</P><P>Auch wenn die Zeichen des Psycho-Trends vielfältig sind, bleibt der Soziologe Dirk Kaesler von der Universität Marburg skeptisch: Er fragt, ob es berechtigt ist, von einem "Jahrhundert der Psychologie" zu sprechen. "Ebenso gut könnte man vom Jahrhundert der Physik, Biologie oder Soziologie sprechen. Auch die älteren Wissenschaften prägen unsere aktuellen Bilder vom Menschen und seiner Welt, wie Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft. In allen Wissenschaften liegen die Möglichkeiten der Befreiung des Menschen und die Gefahren seiner Unterdrückung eng nebeneinander."</P><P>In wissenschaftlicher wie in politischer Hinsicht scheine es gegenwärtig eher so, als ob die Hochphasen der Psychologie, ebenso wie die der Soziologie, vorbei seien. Momentan müsse man sehr viel eher vom Siegeszug der Biowissenschaften sprechen.</P>

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