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Das Rätsel der Mumie

- Erlangen - Alle Blicke sind auf die unscheinbare, braune Pappkiste gerichtet. Die Vorsicht der beiden Restauratorinnen verrät den kostbaren Inhalt. Mit weißen Samthandschuhen öffnen Stephanie Steinegger und Brigitte Diepold den Deckel und entfernen große Styroporplatten. Zwischen zusammengeknülltem Seidenpapier taucht ein Kopf auf. Vor etwa 1800 Jahren formten ihn ägyptische Hände aus Stuck.

Heute soll er sein Rätsel preisgeben. In einer Firma in Erlangen steht ein Computertomograf bereit, sein Innenleben zu durchleuchten.

Das Rätsel wartet in München schon lange auf seine Lösung. Sylvia Schoske entdeckte den Kopf vor zehn Jahren in London im Katalog des Auktionshauses Christie's. Das unscheinbare Stück zog die Direktorin der Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst München sofort in ihren Bann. Für "eine niedrige, vierstellige Summe" ersteigerte sie es.

Welches Schnäppchen sie gemacht hatte, wusste sie damals allerdings noch nicht. Erst die wissenschaftliche Untersuchung machte die Forscherin stutzig: Beim Blick durch die Öffnung am Halsansatz glaubte Sylvia Schoske, in das Innere eines Totenschädels zu blicken. An anderer Stelle kamen unter dem Stuck Leinenstücke zum Vorschein - Binden, wie sie die Ägypter zur Mumifizierung Verstorbener verwendeten.

Steckt der Kopf eines Toten unter der Stuckhülle? Um das Rätsel zu lösen, hätte man die äußere Schicht zerstören müssen. Die Münchner Wissenschaftler entschieden sich dagegen und stellten das wertvolle Stück in die Ausstellungsräume des Museums.

Heute soll moderne Technik das Geheimnis lösen - ohne dem Kopf auch nur ein Stuckhaar zu krümmen. Unter den kritischen Augen von Sylvia Schoske bereiten die beiden Restauratorinnen den Kopf für die Computertomografie vor: Ein Kissen stützt den ägyptischen Patienten. Blaues Neonlicht fällt auf den Stuck. Schicht für Schicht durchleuchten Röntgenstrahlen den Kopf. Der Computer setzt ein dreidimensionales Bild zusammen. Die ersten Bilder von seinem Innenleben erscheinen. Sofort ist klar: Der Stuck birgt tatsächlich einen Totenschädel.

Mit den Wissenschaftlern warten Professor Winfried Neuhuber, Anatom von der Universität Erlangen, und ein Filmteam des Bayerischen Fernsehens auf das Ergebnis. Die medizinischen Laien blicken ratlos. Fachmann Neuhuber erklärt: "Hier kommt das Hinterhauptsloch", sagt er und zeigt auf die Stelle, wo der menschliche Schädel mit der Wirbelsäule verbunden ist. Doch ist davon nichts mehr übrig. "Enthauptet wurde die Person also nicht", schließt der Fachmann.

Als die nächsten Aufnahmen über den Bildschirm flimmern, wird er stutzig: Der Unterkiefer fehlt. "Den hat jemand fachgerecht im Gelenk entfernt", sagt er staunend. "Es muss ein Präparator mit anatomischen Kenntnissen gewesen sein." Auch Sylvia Schoske ist so etwas noch nicht begegnet. Von anderen Fundstücken aus Ägypten weiß man allerdings: Die Ägypter wollten, dass der Tote für das Jenseits komplett ist. Manchmal ergänzten sie daher fehlende Körperteile. Die Ägyptologin und der Anatom ringen sich zu einer Theorie durch: Vielleicht hatte der Tote eine Verletzung. Seine Bestatter entfernten das zerschmetterte Kinn, stopften das Loch mit Binden aus. Der Stuck machte die Leiche wieder vollständig.

Die Untersuchung bringt noch weitere Überraschungen: Auf dem Bildschirm erscheint die Stuckhülle. Ein Mausklick und die Bemalung verschwindet. "Ohne Farbe sieht der Kopf fast aus, als würde er aus der ptolemäischen Zeit stammen", sagt Sylvia Schoske überrascht. Er wäre also einige hundert Jahre älter als vermutet, stammte aus der Zeit Königin Kleopatras. Ob Schoske recht hat, wird eine Pigmentanalyse klären.

Ägypter vervollständigen Leichen für das Jenseits

Das Geschlecht wagt Neuhuber nicht zu bestimmen. Vergleichsbilder aus der Zeit und Gegend wären nötig. Die Zähne sind erstaunlich gut erhalten - ein Indiz für eine gute Abstammung. Dafür spricht auch die Geierhaube, die im Alten Ägypten Göttinnen und Königinnen trugen. Hat Sylvia Schoske eine altägyptische Herrscherin ersteigert? Noch hat die Mumie ihr Rätsel nicht völlig preisgegeben.

Das Bayerische Fernsehen zeigt die Untersuchung im Herbst in der Reihe "Faszination Wissen".

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