Im Rausch der Hormone

- Noch will man es kaum glauben, aber der Frühling kommt. Ganz sicher! Und mit ihm jenes Gefühl der Leichtigkeit, das jeder kennt, aber so gar nicht richtig beschreiben kann. Denn die wärmende Sonne und die laue Luft verleihen Flügel. Das Herz hüpft, die Sinne sind offen: Für bunte Blumen, turtelnde Tauben - und für Sex.

Frühlingsgefühle sind angesagt! Doch warum regen sich die Triebe ausgerechnet im Frühjahr? Und nicht im Winter, wenn man so schön auf dem Sofa kuscheln kann? Oder im Sommer, wenn das Bett im Kornfeld steht? Wissenschaftler haben darauf längst eine Antwort: Die Evolution ist schuld! In der Entwicklungsgeschichte, so heißt es, haben die Jahreszyklen eine wichtige Rolle gespielt. Nach der entbehrungsreichen Frostperiode verhieß der Lenz endlich ein leichteres Leben. Die richtige Zeit also fürs Flirten? Und zum "Schnackseln"?

Im Auftrag von Mutter Natur? Nein, so einfach gestrickt ist der Mensch natürlich nicht (mehr)... Während heute kein aufgeklärter Mensch mehr Oden auf das Frühjahr verfasst, übertrafen sich die Romantiker des 19. Jahrhunderts mit ihren Huldigungen an die schönste Jahreszeit. In Liedern und Gedichten priesen sie das wilde Treiben der Natur, das Sprießen der Knospen, das allerorten keimende Grün. Und -verklausuliert -auch die wallenden Gefühle. Wie Eduard Mörike (1804-1870) in seinen berühmten Zeilen:

Frühling läßt sein

blaues Band

wieder flattern

durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll

das Land ...

100 Jahre später textete man prosaischer. Und eindeutiger:

Frühling kommt,

der Sperling piept,

Duft aus Blütenkelchen.

Bin in einen Mann verliebt,

weiß nur nicht in welchen . . .

schmetterte die fesche Lola alias Marlene Dietrich im Film "Der Blaue Engel".

Der Reiz lässt schnell nach

Und heute? Da wissen wir endlich, welche biochemischen Vorgänge im Körper die Frühlingsgefühle auslösen. Es ist das Melatonin, ein Hormon der Zirbeldrüse, das die Lust dirigiert. Melatonin, bezeichnenderweise Schlafhormon geschimpft, wird allein bei Dunkelheit produziert. Damit unterstützt es den Körper, äußere Veränderungen von Licht und Dunkelheit in körpereigene Abläufe zu integrieren, die innere Uhr sozusagen auf die äußeren Begebenheiten abzustimmen. So weit, so gut. Nur greift das Hormon eben auch in geschlechtliche Prozesse ein. Zunehmende Dunkelheit -und mehr Melatonin -stören das Triebleben, während zunehmendes Licht -und weniger Melatonin -sexuelle Begehrlichkeiten wecken. Logisch, dass im Winter der Melatoninspiegel im Blut höher ist als im Sommer.

Warum das so ist? Da kommen wieder die Evolutionsbiologen mit ihrer Theorie der menschlichen Entwicklungsgeschichte ins Spiel. Einige Fragen bleiben da allerdings offen: Zwar macht es für viele Spezies sicher Sinn, sich im Frühjahr aufgrund besserer Umweltbedingungen zu paaren. Nur stellt sich der Nachwuchs beim Menschen dann erst im Winter ein: In früheren Zeiten war das keine gute Zeit, um ein hungriges Kind satt zu bekommen ... Fakt ist jedenfalls, dass in der heutigen Lebenswelt das Melatonin keine wirklich bedeutende Rolle mehr zu spielen scheint. Denn der moderne Mensch hat sich weitgehend unabhängig von Jahreszeiten gemacht.

Er arbeitet unter Kunstlicht bis in die Nacht, haust in warmen Wohnungen, entflieht dem Winter in den sonnigen Süden und wirbelt mit der Anti-Baby-Pille den Hormonhaushalt eh durcheinander. Das Credo vieler Forscher lautet denn auch: "Rein hormonell betrachtet gibt es die Frühlingsgefühle nicht", wie Martin Reinecke, Freiburger Professor für Endokrinologie, betont. Ist der frühlingshafte Liebesrausch also eine Mär? Nicht ganz! Ein -in heutigen Zeiten -wenig mehr oder bisschen weniger an Melatonin bedeutet nur, dass die sexuelle Bereitschaft schwankt. Hat es aber erst einmal gefunkt, spielen die Sexualhormone verrückt -egal ob im Winter oder im Sommer. Für ein Verliebtsein sind die sog. Neurotransmitter -Nervenbotenstoffe -verantwortlich: Dopamin, Serotonin und Endorphine.

Die Ausschüttung von Dopamin sorgt für Aufregung, feuchte Hände und die Fixierung auf die geliebte Person. Serotonin wirkt wie ein Rauschmittel, auch im negativen Sinn: Bei häufigem Partnerwechsel tritt Gewöhnung ein. D.h. die Reize müssen jedes Mal stärker werden, um denselben Erregungszustand zu erzielen. Endorphine wiederum erzeugen Glücksgefühle. Alle drei zusammen wirken stärker, als es das Melatonin heute noch vermag. Böse Zungen -und durchaus ernsthaft betriebene Studien -behaupten daher, dass nicht die wärmende Sonne und laue Frühlingsluft die Lust steigern, sondern allein die kürzer werdenden Röcke der Frauen und die unter knappen T-Shirts hervortretenden Bizepse der Männer ...

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