Rechen-Genies in der Tier- und Menschenwelt

- Kürzlich ist der Mathematiker Tim Pennings auf ein erstaunliches Phänomen gestoßen. Eines Tages ließ er seinen Corgi Elvis am Strand des Lake Michigan Tennisbälle apportieren. Er warf die Bälle schräg ins Wasser und beobachtete etwas, das ihn stutzig machte. Anstatt direkt auf den Ball zuzusteuern, rannte Elvis zunächst eine ganze Weile am Strand entlang und sprang dann erst ins Wasser. Elvis scheint also genau zu wissen, dass der kürzeste Weg für ihn nicht der schnellste sein kann, da er schwimmend längst nicht so rasch vorankommt wie laufend.

Später fand Pennings heraus, dass sich sein Hund instinktiv immer für die Strecke entscheidet, die ihn am wenigsten Zeit und Energie kostet. Diese "Berechnungen" führt der Hund mit Hilfe eines Programms durch, das ihm die Evolution verpasst hat. Wie er das macht, weiß allerdings kein Mensch.

Doch Elvis beherrscht noch mehr Mathematik. Wenn er versucht, etwas im Flug zu fangen, berechnet er gleichzeitig, wo und wann das Objekt landen wird und welche Richtung er einschlagen muss, um es im richtigen Moment zu erwischen. Dabei laufen die Hunde in einem leichten Kreisbogen. Dadurch erscheint ihnen die Flugbahn des Objekts wie eine Gerade, und sie behalten es immer im Blick. Menschen machen es übrigens genauso. Ob man will oder nicht  - wenn man Handball, Volleyball oder Tennis spielt, bewegt man sich bogenförmig vorwärts.

Etliche Tierarten leben in einer Umwelt, die ihnen Aufgaben stellt, die hochspezialisierte mathematische Fähigkeiten erfordern. Zugvögel, Wale und Meeresschildkröten können Tausende von Kilometern zurücklegen, ohne die Orientierung zu verlieren, weil sie als Virtuosen in der Trigonometrie keine Schwierigkeiten mit der Standort- und Kursbestimmung haben. Bei Schimpansen ist der Sinn für Anzahlen derart hoch entwickelt, dass sie zählen, mit einfachen Additionsaufgaben zurechtkommen und sogar Brüche verstehen können.

Und der Mensch? Auch er kommt mit mathematischen Instinkten auf die Welt. Säuglinge wissen schon im Alter von zwei Tagen intuitiv, dass eine Menge von zwei oder mehr Gegenständen etwas anderes ist als ein einzelner Gegenstand. Die meisten Menschen haben einen Horror vor der Mathematik. Doch was wäre, wenn ihr Überleben oder ihre berufliche Existenz davon abhingen, dass sie geschickt mit Zahlen umgehen können? Etliche Indizien sprechen dafür, dass sich fast jeder unter solchen Umständen das entsprechende geistige Rüstzeug früher oder später aneignen würde.

Ein Forscherteam unter der Leitung von Terezinha Nunes vom Department für Kindentwicklung der Universität London hat Erstaunliches zu Tage gefördert. Das Team untersuchte die Rechen-Fähigkeiten von brasilianischen Straßenkindern, die vom Verkauf von Kokosnüssen und Zitronen leben. Obwohl die Kinder nie eine höhere Schule besucht hatten, erwiesen sie sich an den Marktständen als Rechenkünstler, und ihre Ergebnisse waren zu über 98 Prozent korrekt. Als sie jedoch kurze Zeit später konventionellen schriftlichen Rechentests mit Aufgaben des gleichen Schwierigkeitsgrads unterzogen wurden, scheiterten sie kläglich. Warum? Weil in der Schulmathematik Symbole und Prozeduren angewendet werden, die abstrakt und weitgehend sinnentleert sind. In der wilden Straßenmathematik hingegen steht alles in einem Sinnzusammenhang mit der Alltagspraxis. Es gibt also Gründe genug, den Schulunterricht grundlegend zu reformieren.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Darum sollten Sie diese beliebte Foto-App nicht nutzen
München - Die App „Meitu“ bietet besondere Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Die sozialen Medien toben sich damit gerne aus. Doch für die neuen Filter zahlt man einen …
Darum sollten Sie diese beliebte Foto-App nicht nutzen
Verlage können Hörbücher direkt Apple anbieten
Hörbücher aus dem iTunes-Store bezieht Apple nun nicht mehr ausschließlich von Audible. Das ergaben Verfahren der EU-Kommission und des Bundeskartellamts gegen …
Verlage können Hörbücher direkt Apple anbieten
Darum sollten Sie auf Selfies nie diese Geste machen
München - Sind Selfies gefährlich? Japanische Forscher haben herausgefunden, dass das Handy-Selbstportrait in Kombination mit einer beliebten Geste zum Sicherheitsrisiko …
Darum sollten Sie auf Selfies nie diese Geste machen
Neue Smartphones und virtuelle Displays
Man könnte meinen, auf dem Tisch steht nur ein schnöder Toaster. Doch dahinter steckt der Xperia Projector von Sony. Er wirft Bedienoberflächen an die Wand. Neben diesem …
Neue Smartphones und virtuelle Displays

Kommentare