Rechnungen auf Kosten der Menschenwürde

- München - Wie viel ist das Leben eines 78-Jährigen wert? Nach Einschätzung einiger Wissenschaftler nicht genug, um eine Herzoperation oder eine Dialysebehandlung zu bezahlen. Die Einführung einer Altersbegrenzung für teure medizinische Leistungen sei gerecht, argumentieren einige Professoren. Kirchenvertreter, Pflegeexperten und Ärzte gehen auf die Barrikaden.

<P>Der katholische Theologie-Professor Joachim Wiemeyer forderte in der ARD-Sendung "Report" am Montag, "dass wir vor allen Dingen medizinische Leistungen für Jüngere bereitstellen müssten, aber nicht jede lebensverlängernde Maßnahme für sehr alte Leute noch durchführen müssen". Zuletzt ruderte Wiemeyer zurück: Seine Aussagen seien missverständlich gewesen, sagte er. Der Professor für Christliche Gesellschaftslehre aus Bochum ist Berater der deutschen Bischofskonferenz. Deren Sprecherin erklärt jedoch, Wiemeyer habe sich lediglich als Privatperson geäußert.<BR><BR>Auch im Erzbistum München und Freising stoßen die Vorschläge auf Widerstand. Man müsse sich über solche Äußerungen leider nicht wundern, so Erzbistumssprecher Winfried Röhmel. "In unserer Gesellschaft ist die Leistungsfähigkeit der Wert schlechthin. Ältere Menschen werden vielfach als störend empfunden."<BR><BR>Neben Friedrich Breyer, Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik in Konstanz, befürwortet auch Hartmut Kliemt, Philosophieprofessor in Duisburg, einen weitgehenden Behandlungstopp ab einem gewissen Alter. Breyer, seit dem Jahr 2000 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, schlägt eine Altersgrenze von 75 Jahren vor. "Leistungen, die teuer sind und die in erster Linie dazu dienen, das Leben zu verlängern, würden dann nicht mehr finanziert, so Breyer in "Report". Wie damit konkret gespart werden könnte, lässt er offen.<BR><BR>Die deutsche Ärzteschaft lehnt die Vorschläge ab. Martin Eulitz von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern spricht von einem "sehr zynischen Vorschlag", der so wohl aber ohnehin nicht durchsetzbar sei. "Das würde sonst das Ende unseres Solidarsystems bedeuten." Paul U. Unschuld, Professor am Münchner Institut für Geschichte der Medizin, klagt über immer mehr Druck auf die Ärzte: "Die ganze Gesellschaft will jetzt mitentscheiden, wie sich der Arzt verhalten soll." Dieser müsse jedoch in erster Linie menschliches Leben erhalten, betont der Wissenschaftler von der Ludwig-Maximilians-Universität.<BR><BR>Kritiker warnen sogar vor einem Rückfall in die NS-Zeit. "Eine Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben darf es nicht wieder geben", so Bayerns Sozialministerin Christa Stewens gegenüber unserer Zeitung. Dieses "menschenverachtende Nützlichkeitsdenken" zeige, in welche ethischen Abgründe man bei der derzeitigen Gesundheitsdebatte geraten könne. "Die Würde der Patientinnen und Patienten würde hier mit Füßen getreten", so Stewens. Auch Albrecht Engel, Geschäftsführer des VdK Bayern, findet deutliche Worte: "Die Vorschläge erinnern an unsägliche Zeiten."<BR><BR>Nicht nur teure Operationen, auch einfache Hilfsmittel stehen zur Debatte. "In Pflegeheimen kämpfen wir bereits jetzt um jedes Gebiss für die Senioren", sagt der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek. Der Sozialpädagoge setzt sich für die Rechte alter Menschen ein. Den Plänen, über 75-Jährigen teure Operationen nicht mehr zu bezahlen, erteilt der Sozialpädagoge eine klare Absage: Eine humane Gesellschaft dürfe solch eine Überlegung erst gar nicht anstellen, mahnt er. "Wenn man einem Menschen seine Würde nimmt, hört er auf zu leben."<BR><BR>Fussek zufolge setzen die Vorschläge an der falschen Stelle an: Anstatt über die Kosten der Eingriffe zu diskutieren, sollten vorbeugende Maßnahmen gestärkt werden, argumentiert er. "Es ist, wie wenn ich ein Loch in der Badewanne habe und mich über die hohe Wasserrechnung wundere."<BR></P>

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