Reich-Ranicki-Lehrstuhl in Tel Aviv eingerichtet

Literatur: - Frankfurt/Main - Neun Ehrendoktorhüte und jetzt auch noch ein nach ihm benannter Lehrstuhl für deutsche Literatur in Tel Aviv: So viel Ehrungen seines Lebenswerks machten Marcel Reich-Ranicki am Dienstagabend doch nachdenklich.

"Ich habe aus meiner Begabung, die gar nicht so groß ist, mehr gemacht als man draus machen konnte", meinte der 86-jährige Literaturkritiker in Frankfurt bei der offiziellen Feier zur Einweihung der Stiftungsprofessur an der israelischen Universität. Das klang im traditionsreichen Kaisersaal des Römer (Rathaus) bescheiden - und zugleich beim genauen Hinhören auch wieder äußerst selbstbewusst.

So ganz unrecht schienen "MRR" denn auch die vielen Lobeshymnen nicht zu sein. Zuvor hatte der Schweizer Germanist Peter von Matt den brillanten Polemiker Reich-Ranicki, der 1938 in Berlin als Jude nicht Germanistik studierten durfte, in eine Reihe mit Heinrich Heine und Karl Kraus gestellt. Keiner habe der Literatur so große Aufmerksamkeit verschafft wie Reich-Ranicki, sagte Matt. Tel Avivs Universitätspräsident Itamar Rabinovich würdigte ebenfalls das Lebenswerk "eines großen Mannes".

Die neue Stiftungsprofessur - die erste dieser Art in Israel - soll dort junge Studenten mit der deutschen Literatur bekannt machen. Finanziert wird der Lehrstuhl, den vor allem Gastprofessoren ausfüllen werden, vor allem durch Spenden von Bürgern und Stiftungen aus der Stadt Frankfurt, die seit vielen Jahren mit Tel Aviv partnerschaftlich verbunden ist. Reich-Ranicki hatte Anfang vergangenen Jahres bereits die Ehrendoktorwürde der jüdischen Hochschule in Empfang genommen.

Der seit Jahrzehnten in Frankfurt lebende Reich-Ranicki hofft, dass der Lehrstuhl trotz der leidvollen Erfahrungen im deutsch-jüdischen Verhältnis israelischen Studenten "mit der Zeit" wieder die deutsche Literatur nahe bringen werde. "In keinem Land haben die Juden eine so enorme Rolle in der Literatur gespielt wie in Deutschland", sagte er und erwähnte neben Heine namentlich Ludwig Börne, Arthur Schnitzler und Alfred Döblin.

Ansonsten hielt sich Reich-Ranicki, der nach eigenem Geständnis am liebsten selbst Professor geworden wäre, mit Ratschlägen für die Gestaltung des neuen Lehrstuhls zurück. Stattdessen erklärte er beim Lesen das Lustprinzip zum obersten Maßstab. "Ich wollte eigentlich nur das eine: Spaß haben", berichtete er über seine Jugend-Erlebnisse. Karl Mays Old Shatterhand blieb ihm im Gegensatz zu seinen Berliner Altersgenossen eher suspekt, weil ihm missfiel, "dass immer ein Deutscher auf dieser Welt Ordnung schafft".

Er hielt sich lieber an die frivolen Erzählungen von Maupassant, die im Gymnasium der Zensur zum Opfer fielen. "Wie blöde muss man sein, bei Maupassant das Sexuelle zu streichen. Da bleibt nämlich dann gar nicht so viel übrig", witzelte Reich-Ranicki in gewohnter Form zur Freude der Frankfurter Festgemeinde in seiner Rede.

Eigentlich sollte die Inauguration des Lehrstuhls in Tel Aviv stattfinden. Doch angesichts der angeschlagenen Gesundheit Reich-Ranickis, der Anfang vergangenen Jahres mit Herzbeschwerden in ein Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde Frankfurt vorgezogen. Der 86-Jährige ist jedoch optimistisch, dass er die Entwicklung des Lehrstuhls in Tel Aviv aus der Ferne noch einige Jährchen verfolgen kann. "Ich hoffe, dass ich noch eine Weile auf dieser Erde wandeln werde", sagte Reich-Ranicki.

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