Der Reiz der Ungewissheit

- Eins zu 140 Millionen. Das ist die Wahrscheinlichkeit, im Lotto sechs Richtige mit Zusatzzahl zu tippen. Mittlerweile haben Lottospieler schon viele Strategien ausgetüftelt, ihre Chancen auf den Hauptgewinn zu erhöhen.

Es gibt Würfel mit Stempelfunktion, mit denen man die Zahlen schon vorweg würfelt, um sie dann auf dem Lottoschein einzutragen, oder man organisiert sich in Tippgemeinschaften. "Das hilft alles nichts", meint Professor Tilman Becker, der Leiter der ersten Forschungsstelle für das Glücksspiel an der Universität Stuttgart-Hohenheim. "Es gibt einfach keine Strategie, seine Chancen im Lotto entscheidend zu verbessern", sagt er. "Man sollte aber keine geometrischen Zahlenreihen wie Horizontale oder Diagonale ankreuzen und auch nicht ständig sein Geburtsdatum tippen."

Eigentlich ist Becker Professor für landwirtschaftliche Marktlehre und Agrarpolitik. Der riskante Umgang der Menschen mit der Ungewissheit aber fasziniert ihn. Mehr als 30 Milliarden Euro werden jährlich in der Bundesrepublik im offiziellen Glücksspiel umgesetzt. Anlass genug für Becker und sein zwölfköpfiges Team von Juristen, Statistikern und Psychologen, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. "Das Glücksspiel in Deutschland genießt einen zweifelhaften Ruf", sagt Becker. "Vor allem in Schwaben ist es eher unehrenhaft, wenn man sein Geld nicht mit Mühe erworben hat, sondern es im Spiel zugeflogen ist."

Wetten im Internet werden immer beliebter

 "Wir wollen herausfinden, was das Glücksspiel so faszinierend macht, welche Trends es gibt, welche Menschen spielen und welche Spiele sie bevorzugen", erklärt Becker. "Wir haben ausgemacht, dass der Trend im Glücksspiel vermehrt zu Sportwetten, Wetten im Internet und Anrufspielen im Fernsehen geht", sagt Becker. "Der größte Teil der Spielsüchtigen sind alleinstehende Männer zwischen 30 und 40 Jahren, das ist schon lange bekannt", betont er. "Mich interessiert aber vor allem, warum ganz normale Menschen spielen."

Beckers Beobachtungen, dass der Glücksspieltrend zu Wetten im Internet und zu Telefon-Anrufspielen im Fernsehen geht, kann Dr. Dilek Sonntag vom Münchner Institut für Therapieforschung nur bestätigen. Sonntag ist Psychologin und Therapeutin für Glücksspielsüchtige. Sie schätzt, dass in Deutschland zwischen 50 000 und 100 000 Menschen süchtig nach dem Glücksspiel sind. "Der Übergang vom Zeitvertreib zur Sucht ist fließend", sagt Sonntag. "Lotto spielen ist weniger gefährlich. Gefährlicher wird es, wenn man in immer kürzeren Zeitspannen, zum Beispiel Automaten, aufsucht, die Arbeit vernachlässigt und sich zunehmend sozial isoliert", erklärt sie und rät, dass man sich auf jeden Fall Geld- und Zeitlimits setzen sollte, um nicht abzurutschen in ein Suchtverhalten. Hilfe können Betroffene am Institut für Therapieforschung in München finden (Internet: www.ift.de).

Um nun das Phänomen des Glücksspiels besser zu verstehen, werden Becker und sein Team Gespräche mit Spielern und ihren Angehörigen führen. "Zudem gibt es auch Süchtige, die sich bei mir melden", sagt er. "Schwierig wird es allerdings, die Leute zu erfassen, die zu Hause sitzen und übers Internet oder das Telefon spielen", meint Becker. Generell rät auch er davon ab, Glücksspiele zu spielen, die nur einen kurzen Zeitraum zwischen Einsatz und Ergebnis haben. "Hier kann man sehr schnell viel Geld verlieren und leicht die Kontrolle verlieren", sagt er. Gerade über die normalen Menschen wundert sich der Stuttgarter Glücksspielforscher am meisten. "Einerseits bezahlen sie Versicherungen, die für sie Risiken minimieren, andererseits bezahlen sie dafür, ein Risiko einzugehen."

Lexikon aktuell:

Astragale Astragale war eine frühe Form des Glücksspiels, das aus dem antiken Griechenland stammt (vom griechischen Wort astragaloi, das Sprunggelenk). Als Würfel dienten die Sprunggelenkknöchel von Paarhufern. Ein Astragal besitzt vier unterschiedliche Flächen. Gespielt wurde mit vier Astragalen. Zeigte ein Wurf alle vier unterschiedlichen Seiten,so nannte man das "Venus". Der Spieler gewann das Spiel. Professor Tilman Becker erforscht in Stuttgart, warum Menschen ihr Glück im Spiel versuchen. Foto: Weißbrod/dpa

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