Russisches Roulette im Bett

- München - "Sind die denn alle lebensmüde?", fragt die Frau mit dem Pseudonym "Gänseliesel" im Internetforum muenchner-singles.de. Eine berechtigte Frage. Seit die Infektion eines 40-jährigen Homosexuellen aus New York mit einem besonders aggressiven HI-Virusstamm vergangene Woche bekannt wurde, sind überall im Internet Diskussionen entfacht. Es geht um schwindendes Verantwortungsbewusstsein. Um Menschen, die auf Safer Sex pfeifen. Um Russisches Roulette im Bett.

<P>Die reißerischen Schlagzeilen von "Super-Aids" bis zur "Gefahr aus dem Großstadt-Dschungel" haben ihren Teil zur Verunsicherung beigetragen. Nun geht es - nicht nur in der Schwulenszene - darum, ob sich hinter der Nachricht aus New York eine ernste Gefahr verbirgt oder reine Panikmache.<BR><BR>Auch bei der Münchner Aidshilfe ist man unsicher: "Wir wissen die Situation nicht richtig einzuschätzen", sagt Michael Tappe, Leiter der Beratungsstelle des Vereins. Vielerlei Interessen könne man hinter der Meldung vermuten. Da sei die US-Regierung, die daran interessiert ist, bestimmte Lebensweise zu geißeln. Da gebe es fanatische Aufklärer, die endlich wieder mit Angst operieren können. Und wirtschaftliche Interessen: Schließlich sei es den Pharmaunternehmen, die "Resistenztests" entwickeln, nur recht, wenn sich die Nachricht vom Supervirus erfolgreich verbreite.<BR><BR>Die meisten Infizierten in der Schwulenszene</P><P>Trotzdem ist auch Tappe beunruhigt: "Wenn das kein Einzelfall bleibt, dann haben wir ein Problem", sagt er. Und seine Angst hat einen bestimmten Ursprung. Er weiß, dass die Bereitschaft, beim Geschlechtsverkehr ein Risiko einzugehen, deutlich höher geworden ist. Nicht nur, aber auch in der Schwulenszene, die mit rund 50 Prozent nach wie vor die größte Gruppe der HIV-Infizierten stellt.<BR><BR>Das bestätigen Geschichten wie die von Thomas. Große Gedanken über Safer Sex habe er sich nicht mehr gemacht, erzählt der 27-jährige Student, der erst seit ein paar Wochen von seiner HIV-Infektion weiß. "Ich habe den Geschichten geglaubt, die so erzählt werden", sagt der junge Schwule aus München. Zum Beispiel der Mythos, dass sich der aktive Part beim Analverkehr nicht so leicht anstecke.<BR><BR>Quer durch die Bevölkerung, nicht nur unter Schwulen, wird immer öfter auf Safer Sex verzichtet. Einer Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln zufolge benutzten von den Befragten mit mehreren Sexualpartnern im vergangenen Jahr nur noch 78 Prozent Kondome. Der Absatz von Kondomen in Deutschland spiegelt den Trend wider: Wurden im Jahr 2000 noch 207 Millionen Stück verkauft, waren es 2003 nur 189 Millionen.<BR><BR>Es ist Unwissen, aber auch der Kick des Risikos, der viele zum Leichtsinn verleitet. Riskant ist vor allem die Szene, in der - in allen großen deutschen Städten - Bareback-Partys gefeiert werden. "Bareback", das kommt aus der Cowboy-Sprache und bedeutet wörtlich "blanker Rücken", also so viel wie Reiten ohne Sattel. Ursprünglich hieß das nichts anderes als ungeschützter Sex zwischen Männern, die bereits mit einem HI-Virus infiziert waren. In letzter Zeit sei es aber, das bestätigt Michael Tappe, zur "irrwitzigen" Mode geworden, dass auch HIV-negative Männer ungeschützten Sex mit anderen Negativen haben. Bei einer solchen Party hat sich auch der Mann aus New York mit dem superresistenten Virus angesteckt.<BR><BR>Im Internet werben zahllose Bareback-Clubs neue Mitglieder. Und mancher sucht auf diesen Seiten sogar gezielt nach HIV-Infizierten, die ihn "pozen", das heißt anstecken.<BR><BR>Tappe warnt: "Da entsteht ein falsches Bild. Nicht jeder Schwule rennt jede Woche auf so eine Party mit 500 Leuten." Tatsächlich ist es eine Minderheit unter den Homosexuellen, die dieses Spiel betreibt - ein Spiel auf Leben und Tod.<BR><BR>Als "Zeichen von Hoffnungslosigkeit und Dekadenz" wertete auch Modeschöpfer Wolfgang Joop seine Beobachtungen. Im Herbst vergangenen Jahres schrieb Joop in der "Zeit": "Mir wurde erzählt, dass solche Partys in Berlin-Mitte oder Schöneberg Wochenende für Wochenende stattfinden. Berlin gilt mittlerweile europaweit als ,Capital of Barebacking." Aids passe vielen, besonders jungen Schwulen, nicht in den Kram, so Joop. Man wolle es nicht und belüge sich selbst damit, dass man mit Pillen Aids überleben kann.<BR><BR>In den Augen vieler hat die Kombinationstherapie, die es seit 1996 gibt und die den Ausbruch der Krankheit hinauszögert, aus Aids eine Art chronische, aber behandelbare Krankheit gemacht. Zudem hat auch die Pharmaindustrie ihren Teil dazu beigetragen, das Bild vom unbeschwerten Leben dank neuer Medikamente in bunten Farben auszumalen. In Schwulenblättern schalten die Unternehmen zum Teil doppelseitige Anzeigen.<BR><BR>Inzwischen sei man hier ein wenig sensibler, sagt Sozialpädagoge Tappe. Doch erinnere er sich gut an Werbungen mit muskulösen nackten Männertorsi. Oder jene Werbung, die einen "David, 30 Jahre, HIV-positiv" erklären lässt: "Ich habe keinerlei Beschwerden, und die zwei Tabletten am Tag sind zur Routine geworden."<BR>Von Panik ist in der Münchner Schwulenszene keine Spur. Bei der anonymen Telefonberatung der Münchner Aidshilfe sind seit Bekanntwerden der Supervirus-Infektion keine Anrufe zu diesem Thema eingegangen. "Wie so oft ist es bemerkenswert still bei denen, die es angeht", stellt Tappe fest. "Aufklärung", sagt er, "tut wieder Not."<BR><BR>Weniger Mittel für Aids-Aufklärung</P><P>Der Aids-Schock der 80er-Jahre ist vergessen. Die Mittel für die Aids-Aufklärung werden zusammengestrichen. Der Etat für die Anti-Aids-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ("Gib Aids keine Chance!"), früher 25 Millionen Euro im Jahr, beträgt heute noch 9 Millionen. Außerdem haben die TV-Sender die Zahl der kostenlos ausgestrahlten Fernsehspots drastisch reduziert. Im vergangenen Jahr hat zumindest die Münchner Aidshilfe vom bayerischen Gesundheitsministerium einen höheren Etat bekommen. Von dem Geld hat man eine "Testkampagne" finanziert, mit deren Hilfe mehr Schwule davon überzeugt werden sollen, dass ein Aidstest sinnvoll und wichtig ist. Wissen kann schließlich Leben retten. Und Lebensmüde von ihren Plänen abhalten.<BR><BR></P>

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