SARS: Völlig neuer Erreger gibt deutschen Experten Rätsel auf

- München/Oberschleißheim - Die Lungenseuche SARS erhitzt auch in Deutschland die Gemüter, obwohl sie hier nur wenige Menschen befallen hat (bis gestern acht, hinter 27 weiteren Verdachtsfällen steckte eine Erkältung). Doch auch das ist nicht ganz sicher: Denn noch gibt es keinen definitiven Test, wie Experten vom Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut beim Schleißheimer Forum im Landesgesundheitsamt betonten. "Ein negativer Befund heißt nicht, dass kein Erreger in der Probe war", erklärte die Leiterin der klinischen Virologie des Instituts, Dr. Gundula Jäger.

<P>Umgekehrt wisse auch noch niemand, ob alle Infizierten erkranken. "Es könnte theoretisch sogar sein, dass sich eine Million Menschen in Peking angesteckt haben, ohne dass sie je krank werden."<BR><BR>Auch über die Herkunft des Erregers weiß man noch nichts. Die Münchner Experten zweifeln ein bisschen an der Tier-Theorie, die in Peking dazu geführt hat, dass Menschen in Panik ihre Haustiere los werden wollen. Ein Mann warf gestern in SARS-Angst seinen Hund aus dem Hochhaus. Die Tierschützer protestieren wohl vergeblich gegen die Angst.<BR><BR>Schuld daran sei auch China selbst, das die Weltgesundheitsorganisation WHO viel zu spät hinzugezogen habe. Wertvolle Zeit, medizinische Fakten zu sammeln, ist vertan. Deshalb schwankten auch, je nach Studie, die Angaben über die Sterberaten, so die Münchner Experten.<BR><BR>In einem Monat hoffe man, bessere Daten zu haben, etwa darüber, wie infektiös (und ab wann) das Virus ist.<BR><BR>Zwar ist "SARS-CoV", wie der Erreger in den Labors heißt, inzwischen isoliert, und man kennt sogar seinen genetischen Bauplan. Aber nicht dessen einzelne Funktionen. "Das Virus gehört zur Familie der Coronar-Viren, ist aber mit keinem eng verwandt. Es ist eindeutig ein völlig neuer Erreger", erläuterte der Molekularbiologe Dr. Hans Nitschko, die jüngsten Forschungen. Fünf Proteine konnte man als Virusbestandteile identifizieren, die andere Coronaviren nicht haben, aber man weiß noch nicht, wozu sie da sind.<BR>Auch im Max-von-Pettenkofer-Institut erforschen die Wissenschaftler den Erreger und seine Gefährlichkeit, deshalb ließ man sich Virus-Material schicken. "Denn jetzt", so Dr. Jäger, "können wir nicht einmal eine sichere Strategie empfehlen - und schon gar kein Medikament". <BR><BR>Auch der Mundschutz, der in Chinas Metropolen bereits zum Alltagsbild gehört, sei nur ein sehr ungewisser Schutz, nachdem man davon ausgehen müsse, dass das Virus sich garade im Darm besonders gut vermehre. "Die einfache Maske ist aber immerhin ein guter Schutz gegen Influenza". Denn noch ist die Grippe (Ansteckung definitiv durch husten und Niesen) wesentlich weiter verbreitet. Gerade in Asien.<BR><BR>Zwar gibt es inwischen schon fünf Diagnostik-Tests, "aber alle Nachweistechniken sind noch nicht ausreichend evaluiert", warnte Molekularbiologe Nischko die Ärzten und Laborfachleute im Hörsaal. Besorgte Frage aus dem Auditorium im überfüllten Hörsaal: "Wie soll man sich denn dann gegen SARS schützen, wenn man unbedingt nach China muss, zum Beipiel auf Montage?" Antwort der Virologin: "Der beste Schutz ist eindeutig, jetzt nicht nach China zu reisen. Und wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, sollte man den Kontakt mit den Chinesen möglichst meiden". Das ist nicht fremdenfeindlich gemeint. "Wir alle haben noch keine Antikörper gegen diesen neuen Erreger. Deshalb werden wir mit der Krankheit wohl auch noch lange zu tun haben."</P><P> </P>

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