Scharfer Unterwasserblick

- Seit Tausenden von Jahren ziehen sie in winzigen Bambusbooten zwischen den Inseln des Andamanischen Meeres und den Küstengebieten Myanmars, Thailands und Malaysias umher: Die südostasiatischen Moken sind ein ebenso geheimnisvolles wie ungewöhnliches Seenomaden-Volk. Über ihre Herkunft und Geschichte weiß man so gut wie nichts. Moken verbringen oft acht Monate des Jahres auf dem Wasser, um mit Netzen, Fallen, Speeren und Harpunen auf alles Jagd zu machen, was das Meer an Beute hergibt. Andere nutzen das Hochwasser, um von ihren Hütten aus, die sie vor den Küsten auf drei Meter hohen Pfählen errichtet haben, fischen und tauchen zu gehen.

<P>Am Ungewöhnlichsten sind ihre Fähigkeiten unter Wasser. Sie tauchen nicht nur bis zu 60 Meter tief - wobei sie außer ausgedienten Schläuchen und Steingewichten, die sie sich um die Hüften schnallen, keine technischen Hilfsmittel benutzen. Sie können auch ohne Taucherbrille derart scharf unter Wasser sehen, dass sie Muscheln, Schnecken, Seegurken und sogar Perlen in großer Tiefe ausfindig machen. <BR><BR>Wie sie das anstellen, haben die schwedischen Biologinnen Anna Gislen und Marie Dacke von der Universität Lund herausgefunden.<BR>Im Mai-Heft der Zeitschrift "Current Biology" berichten sie, wie sie zunächst visuelle Tests mit europäischen und Moken-Kindern durchführten, um zu klären, wie gut sie horizontale und vertikale Streifenmuster unterschiedlicher Größe aus einem Abstand von einem halben Meter unter Wasser wahrnehmen können. Dabei zeigte sich, dass die Moken-Kinder mehr als doppelt so scharf sehen und noch Objekte in einem Durchmesser von nur wenigen Millimetern erkennen.<BR><BR> An Land sehen sie nicht besser und nicht schlechter als andere, und nicht das geringste anatomische Detail unterscheidet ihre Augen von europäischen. Gislen und Dake schließen aber nicht aus, dass es eine Veranlagung geben könnte, die es den heranwachsenden Moken leichter macht, sich die Fähigkeit anzueignen.<BR><BR>Weitere Tests ergaben, dass die Scharfsichtigkeit der Moken weder durch bloße Akkommodation (die zur Erhöhung der Brechkraft der Augenlinse führt) noch dadurch zu Stande kommt, dass sie die Krümmung ihrer Hornhaut verändern - eine Methode, die Vögel, Fische und Frösche häufig anwenden.<BR><BR>Die Moken tun jedoch etwas, was bislang als unmöglich galt. Normalerweise erweitern sich die Pupillen unwillkürlich unter Wasser, wo wenig Licht zu ihnen dringt. Doch die Seenomaden ziehen ihre Pupillen willentlich zusammen und lassen sie bis auf einen Durchmesser von 1,96 Millimeter schrumpfen. Dies hat denselben Effekt wie die kleinere Blendeneinstellung eines Fotoapparats: Tiefenschärfe und Auflösung verbessern sich.<BR><BR>Aber das ist noch nicht alles. Wenn die Moken tauchen, stellen sie ihre Augen außerdem auf extreme Nahsicht ein. Dafür ziehen sie die Ziliarmuskeln so stark zusammen, dass die Augenlinse ein Brechungsvermögen von bis zu 16 Dioptrien erhält. Damit ist die absolute Grenze der Leistungsfähigkeit des menschlichen Auges erreicht. <BR><BR>Normalerweise liefert unser Auge sehr gute Bilder nur im Medium Luft: Damit auf der Netzhaut ein klares Bild entstehen kann, müssen die einfallenden Lichtstrahlen gebrochen und fokussiert werden. Hierfür sind die kugelförmige Augenlinse, die konvexe Hornhaut und der Glaskörper im Auge zuständig. Wenn aber Licht, das sich in Wasser fortbewegt, zum Auge gelangt, wird es kaum noch gebrochen, weil Wasser nahezu denselben Brechungsindex wie Hornhaut und Glaskörper hat. <BR><BR>Die Moken haben gelernt, diesen Mangel mit ihrer Sehtechnik wettzumachen. Gislen und Dacke versuchen nun, schwedischen Kindern den scharfen Unterwasserblick anzutrainieren. Ihr Fazit: "Die ersten Resultate sind ermutigend".<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Umfrage: Mehrheit wünscht sich Sicherheitssiegel im Internet
Die Internetnutzer in Deutschland fühlen sich beim Thema Sicherheit im Internet überfordert. Vor allem dem Versand wichtiger Dokumente über Kundenportale vertrauen nur …
Umfrage: Mehrheit wünscht sich Sicherheitssiegel im Internet
Bildbearbeitung Paintshop Pro bereit für Touch-Bedienung
Viel Neues und ein schnellerer Zugriff auf elementare Werkzeuge: Softwarehersteller Corel hat das Design des Bildbearbeitungsprogramms Paintshop Pro deutlich verwandelt.
Bildbearbeitung Paintshop Pro bereit für Touch-Bedienung
Werbeblocker im Internet bleiben erlaubt
Internet-Werbeblocker sind vielen Medienunternehmen ein Dorn im Auge, die mit Anzeigen Geld verdienen. Nun hat ein Gericht den Einsatz des umstrittenen Adblockers des …
Werbeblocker im Internet bleiben erlaubt
Überhitzungsgefahr: Neuer Akku-Ärger bei Samsungs Galaxy-Smartphones
Kunden des Elektronikriesen Samsung haben schon wieder Probleme mit überhitzenden Smartphone-Akkus.
Überhitzungsgefahr: Neuer Akku-Ärger bei Samsungs Galaxy-Smartphones

Kommentare