Ein Schatzhaus aus Wörtern

- Auch Wörter haben ein Leben. Und ihr Biograf heißt Hugo Beikircher. Auf seinem Schreibtisch in der Residenz stehen Pappkästen, schlicht und grau. Außen stehen lateinische Wörter: "psalmus" (Psalm) etwa, oder "puella" (Mädchen). Innen verbergen sich, zerschnipselt in kleine Textstücke, ihre Geschichten. "Jede ein Abenteuer", sagt der schlanke, grauhaarige Mann und strahlt wie ein Kind unterm Christbaum.

Mit Recht dürfte sich München heute Welt-Hauptstadt des Lateins nennen. Denn seit nunmehr 112 Jahren bauen Wissenschaftler hier am "Schatzhaus der lateinischen Sprache", dem Thesaurus Linguae Latinae. Zwei Drittel des Werks sind vollbracht: Die Vollendung des Buchstabens "P" steht kurz bevor. Die veröffentlichten Bände füllen beinahe ein Bücherregal.

Gründerväter glaubten, in 15 Jahren fertig zu sein

Hugo Beikircher baut seit 38 Jahren mit an dem Mammut-Projekt der Lexikografie, dessen Generalredaktor er heute ist. In Artikeln erschließt der Tiroler, gemeinsam mit 19 Mitarbeitern aus neun Nationen, nicht nur die Bedeutung eines Wortes. Er schildert dessen Geschichte von den Zwölftafelgesetzen über die Verse des Ovid und die Predigten des Augustinus bis zu den frühen Nachfahren des Wortes in den romanischen Sprachen - alles auf Latein, versteht sich. "Eine Entdeckungsreise", sagt er.

Doch die Biografentätigkeit ist auch langwierig und zäh. "Pater (Vater) zum Beispiel, das schafft man nicht unter eineinhalb Jahren", sagt Beikircher. Denn die Fülle des Materials ist enorm: Allein auf 80 Kästen à 1200 Zetteln steht das Wörtchen "in". Als Jahrhundert-Werk geplant war der Thesaurus nicht von Beginn an. Die Gründerväter glaubten, in 15 Jahren ihre Arbeit vollenden zu können. Doch: Errare humanum est. Heute rechnet Beikircher mit einem Abschluss im Jahr 2050, vorsichtig geschätzt.

Ein Blick auf die Kollegen des Grimmschen Wörterbuchs, des umfangreichsten Lexikons der deutschen Sprache, hätte vielleicht die Fehleinschätzung verhindern können. Auch die berühmten Brüder glaubten das 1854 in Angriff genommene Werk noch zu Lebzeiten stemmen zu können. Heute arbeiten Germanisten auf einen Abschluss im Jahr 2017 hin. Noch ein paar Dutzend andere deutsche Editionen haben ihre Gründer schon um Generationen überlebt.

"Wir halten also nicht den Rekord", sagt Beikircher mit einem ironischen Lächeln. Kopfschütteln und spitze Bemerkungen ist er gewöhnt, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Doch ist er von deren Sinn überzeugt, und dem ihrer Gründlichkeit. Antike, Christentum, die Literatur der Renaissance, die Werke der Wissenschaft - das alles sei nur über Latein gelaufen, in ganz Europa und noch bis ins 18. Jahrhundert. Selbst deutsche Literatur wie Goethe könne man nur auf der Vorlage der Antike verstehen. "Ohne Latein bewegten sich die Geisteswissenschaften hier keinen Schritt", sagt der Generalredaktor.

Die Basis des "Schatzhauses", das den Blick in die Vergangenheit schärft, ist die Verzettelung. In einer Bibliothek der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die gemeinsam mit 14 Akademien von Finnland bis Japan das Werk herausgibt, füllen die Kartons die Regale bis unter die Decke. Zehn Millionen Schnipsel stecken in den Pappschachteln - eine Datenbank des 19. Jahrhunderts, mit der die Wissenschaftler noch heute arbeiten. "In vielem ist das praktischer als eine Diskette", sagt Manfred Flieger, Sekretär des Thesaurus, der wie sein Chef Beikircher selbst Geschäftsbriefe noch gerne per Hand schreibt. Er öffnet eines der Kästchen. Drinnen ruhen, chronologisch geordnet und in gestochener Handschrift, die Textstellen, in denen ein Wort in der antiken Literatur auftaucht.

Von Cicero bis zu den Klowänden in Pompeji

Die Zettel sind ein Vermächtnis der Gründerväter des Thesaurus. "Die Idee, ein solches Lexikon zu schaffen, ist so alt wie die Wissenschaft", erzählt Flieger. Die gängigen Wörterbücher mögen für die Übersetzung einer lateinischen Schulaufgabe reichen, für tiefgreifende Wissenschaft taugen sie schlecht. Nach mehreren Anläufen war es 1894 so weit. Die fünf deutschsprachigen Akademien - Berlin, Göttingen, Leipzig, München und Wien - taten den ersten Spatenstich des Schatzhauses und beschlossen den Start des Thesaurus.

Doch vor den Mauern kommt das Fundament: Große Philologen wie Eduard Woelfflin sowie zahllose Hilfskräfte arbeiten in den Anfangsjahren daran, die antiken Schriften für die Lexikonarbeit aufzubereiten. Jeden Schnipsel und jede Inschrift, von den Reden Ciceros bis zu Chirons Werk über Medizin für Esel und Graffiti von Klowänden in Pompeji.

Mit einer speziellen Kopiertusche schrieben sie die gesamte lateinische Literatur bis 200 nach Christus - und ausgewählte Werke bis 600 - auf handliche Zettel. Ein Buchbinder entwarf die patentgeschützten Pappkästen, die königlich preußische Materialprüfanstalt wählte das Papier für die Zettel. Sie haben die blätternden Hände von vier Wissenschaftler-Generationen überlebt.

Überdauert hat auch die Arbeit am Thesaurus selbst, trotz zahlreicher Widrigkeiten. Die eine war und ist der Faktor Zeit. "Die Diskussion um mögliche und notwendige Beschleunigung der Thesaurus-Arbeit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Geschichte", heißt es in einer Festschrift. "Heute wächst der Druck", sagt Beikircher. Doch ein allzu rascher Abschluss würde zu Schludrigkeiten führen, das Schatzhaus vielleicht verderben. Auch sind die Kosten vergleichsweise gering. Eine Million Euro geben die Akademien jedes Jahr aus - allein das Budget der Max-Planck-Gesellschaft beträgt 1,3 Milliarden Euro. "Wir betreiben hier geisteswissenschaftliche Gundlagenforschung", sagt Beikircher mit Stolz - eine Forschung jenseits von Wissenschafts-Moden. Den Thesaurus, so hoffen seine Baumeister, werden wohl noch Wissenschaftler in Jahrhunderten aufschlagen, wenn sie den Schatz der lateinischen Sprache heben wollen.

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