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Scheues Hänschen, scheuer Hans

- Wie wird man zu der Person, die man ist? Wie verläuft die Entwicklung unterschiedlicher Fähigkeiten? Welche Ereignisse prägen das spätere Leben von Kindern und wie wirkt sich die Erziehung der Eltern auf den Nachwuchs aus? Diesen Fragen sind Forscher des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München nachgegangen.

Über 20 Jahre haben die Wissenschaftler mehr als 200 Kinder beobachtet und regelmäßig untersucht, ab wann sich bei Kindergartenkindern stabile Unterschiede in den Persönlichkeiten und Fähigkeiten herausbilden und wie sich das auf ihre Zukunft auswirkt. Über die Ergebnisse dieser Untersuchung berichtet Prof. Wolfgang Schneider, der Leiter der Max-Planck-Studie und zugleich Vizepräsident der Universität Würzburg ist.

Herr Schneider, Ihre Forschergruppe hat seit 1984 den Lebensweg von über 200 Kindern beobachtet, die damals in den Kindergarten gekommen sind. Wie war damals die Ausgangssituation?

Schneider: Wie haben in die Studie Kinder aus allen sozialen Schichten aufgenommen. Drei Jahre lang haben wir sie im Kindergarten beobachtet, anschließend sechs Jahre in der Schule. Die nächsten Untersuchungen gab es, als die Kinder zwischen 17 und 23 Jahre alt waren.

Wie haben sich Unterschiede in der Entwicklung abgezeichnet?

Schneider: Kinder, die zum Beispiel schon im Kindergarten schüchtern oder auch hyperaktiv waren, behielten diese Eigenschaften in der Regel auch im späteren Leben. Zudem konnten wir beobachten, dass Kinder, die schon einen Entwicklungsvorsprung hatten, als sie in den Kindergarten kamen, diesen meist auch danach gegenüber den anderen Kindern beibehalten konnten. Diese Tatsache hat uns sehr überrascht, da wir angenommen hatten, dass in einer Gruppe von 200 Kindern solche Unterschiede später verwischt werden.

Welche Rolle spielen die Erziehung und der soziale Hintergrund der Eltern?

Schneider: Wir konnten beobachten, dass die Kinder, die aus privilegierten Verhältnissen stammen, insgesamt günstigere Entwicklungen zeigten und sich auch besonders gut selbst einschätzen konnten. Andererseits waren Kinder, die aus schwierigen häuslichen Verhältnissen stammten, weniger leicht emotional und seelisch verwundbar. Dass Kinder aus unteren sozialen Schichten eher die Hauptschule oder die Realschule besuchten, haben auch wir feststellen können, wie es bereits in vielen anderen Sozialstudien beobachtet wurde. Allerdings gab es auch da positive Überraschungen: Einige Kinder aus eher schwierigen sozialen Verhältnissen, die später auf weiterführende Schulen wechselten, haben diese dann meist besonders gut absolviert.

Ab welchem Alter lösen sich die Kinder vom Elternhaus?

Schneider: Schon im Alter von 13 Jahren wird die Gruppe der Gleichaltrigen immer wichtiger im Leben eines Teenagers. Dennoch ist da meist noch eine enge Bindung an das Elternhaus. Spätestens ab dem 17. Lebensjahr jedoch ist eine stärkere Distanzierung von den Eltern zu beobachten.

Aber in diesem Alter wohnen die Kinder meist doch noch zu Hause?

Schneider: Ja, das ist richtig. Das ist auch ein Trend, den wir festhalten konnten. Der Nachwuchs wohnt wieder länger bei den Eltern. Manchmal auch noch im Alter von 23 Jahren. Das hat verschiedene Gründe. Oft sind es finanzielle Zwänge, wenn die Kinder zum Beispiel noch studieren. Aber manchmal ist es auch einfach nur Bequemlichkeit des Nachwuchses.

Was würden Sie Eltern mit auf den Erziehungsweg geben?

Schneider: Je mehr und intensiver sich Eltern mit ihren Kindern beschäftigen, desto mehr können sie ihnen mit auf den späteren Lebensweg geben. Intellektuelle, kommunikative und soziale Förderung schon vor dem Kindergartenalter stellen eine der besten Investitionen in die Zukunft der Kinder dar.

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