Zu schlau für den Ruhestand

- Der Jubel an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) war groß, als Professor Theodor Hänsch vergangenes Jahr den Nobelpreis für Physik erhielt. Doch schon kurz darauf drohte der Universität der Verlust ihres neuen Aushängeschilds. Denn im Oktober erreicht Hänsch das Pensionsalter. Jetzt darf er weiterforschen. Doch diese Chance haben nur wenige.

Für die meisten Wissenschaftler an deutschen Universitäten ist mit 65 Jahren Schluss, egal wie anerkannt sie sind, egal wie viele Preise sie erkämpft haben. Sie verlieren ihr Büro mit Sekretärin und Assistenten, ihren Platz im Labor müssen sie räumen. Forschung - zumindest in naturwissenschaftlichen Fächern - ist kaum mehr möglich. Viele renommierte Spezialisten wandern daher im Ruhestand in die USA ab. Denn dort gibt es keine Altersgrenze für Forscher.

Eine Zwangspensionierung mit 65 kann sich auch Professor Thomas Brandt, Direktor der Neurologischen Klinik der LMU in Großhadern, nicht vorstellen: "Wissenschaft ist für die meisten nicht Beruf, sondern Berufung", meint Brandt. "Vergleichbar nur mit einem Künstler oder Architekten. Das Denken geht auch mit 65 weiter." Als Gewinner der ersten Hertie-Seniorprofessur an der LMU darf der Gehirnforscher nun weiterarbeiten.

Auch für Theodor Hänsch war schnell ein Weg gefunden - in Kooperation mit der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Bis zum 31. März 2010 darf Hänsch forschen. Denn auf einen Nobelpreisträger wollte weder die LMU noch der Freistaat Bayern verzichten.

In den USA droht indes kein Rausschmiss mit 65. Die Universitäten haben davon nur Vorteile - auch finanziell. "Die Professoren müssen ihren Laborplatz dort größtenteils selbst bezahlen", sagt der Mikrobiologe Karl-Heinz Schleifer von der TU München. Der 67-Jährige steht kurz vor der Pensionierung. Weil er schon vor 1978 auf den Lehrstuhl für Mikrobiologie berufen worden ist, hat er noch einen "68er-Vertrag", wie er im Uni-Jargon genannt wird. Er darf bis 68 Jahre seinen Lehrstuhl behalten. Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen sieht er die Problematik deshalb gelassener. Mit einer allgemeinen Erhöhung des Renteneintrittsalters werde sich das Problem weitgehend von selbst lösen, meint er. Die Pension mit 65 hält allerdings auch er für zu früh.

Eine generelle Verlängerung für Lehrstuhlinhaber sei indes nicht sinnvoll: "Manche kleben an ihrem Sessel, obwohl sie in der Forschung längst nicht mehr aktiv sind", so Schleifer. "Es ist schlimm, wenn es dadurch jungen, aktiven Forschern an Laborräumen fehlt." Für fitte Ruheständler gebe es zudem andere Aufgaben: im Vorstand eines Fachverbandes oder als Berater oder Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Einfacher hätten es Geisteswissenschaftler, die für ihre Arbeit keine Laborräume und Geräte brauchten.

Den Konflikt zwischen den Generationen hat auch die Hertie-Stiftung erkannt. "Die Seniorprofessur ist mit einer Nachwuchsförderung verknüpft", sagt Susanne Lehmann, Sprecherin der Hertie-Stiftung. Um Jüngeren den Weg frei zu machen, muss der Preisträger leitende Funktionen abgeben. Doch auf Laborräume kann auch er nicht verzichten. "Die Forschungsfläche wird fast überall nach der wissenschaftlichen Aktivität verteilt", erklärt Brandt. "Das ist keine Frage des Alters. Ideal wäre es, wenn jung und alt in einer Gruppe zusammenarbeiten."

Erst seit der drohenden Abwanderung eines Nobelpreisträgers befassen sich auch Politiker mit dem Problem. "Wir brauchen den Senior-Forschungsprofessor in Deutschland", erkannte inzwischen auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan. In den kommenden Monaten will sie einen Vorschlag vorlegen.

"Emeriti of Excellence" betreuen TU-Studenten

An der TU München ist man der Politik schon einen Schritt voraus: Eine Vergeudung von Exzellenz und Wissen sei es, wenn man motivierte und geistig rege Professoren zwangsweise in den Ruhestand schicke, so der TU-Sprecher Dieter Heinrichsen. Sogenannte "Emeriti of Excellence" sollen ehrenamtlich noch weiterarbeiten - als Betreuer für besonders begabte Studenten. Auf den reichen Erfahrungsschatz und die Kontakte der älteren Semester braucht man so nicht zu verzichten. Doch ob sich dadurch viele Wissenschaftler vom Weg ins Ausland abhalten lassen, ist fraglich. Denn die meisten wollen vor allem eines nicht aufgeben: die Forschung.

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