Mit Schnitten Spannung abbauen

- Mit einem Taschenmesser schließt sich Lisa oft allein in ihrem Zimmer ein. Die 15-Jährige fährt mit der Klinge über ihren Bauch, ein Schnitt, ein schmales Blutrinnsal, dann noch ein Schnitt. Lisa spürt keinen Schmerz. Erleichtert schließt sie die Augen, wenn die angestaute Spannung und die Wut von ihr ablassen. Lisa hasst ihren Körper, sie hasst sich selbst. Dabei ist Lisa kein Einzelfall: Bei der Beratungsstelle "MädchenGesundheitsLaden" in Stuttgart etwa ist der Beratungsbedarf bei Selbstverletzungen in den vergangenen zwei bis drei Jahren deutlich gestiegen.

<P>Stuttgart - "Die Selbstverletzungen treten häufig zusammen mit Essstörungen auf, die ja auch eine Art Verletzung der eigenen Person darstellen", erläutert Sozialpädagogin Julia Hirschmüller von der Stuttgarter Beratergruppe. Das selbstverletzende Verhalten gebe es hauptsächlich bei Mädchen in der Pubertät. In dieser Lebensphase spiele der Körper eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit. "Mit den Verletzungen drücken die Mädchen ihren inneren seelischen Schmerz aus. Es ist eine Art Hilferuf", sagt Hirschmüller. Die betroffenen Jugendlichen hätten ein negatives Selbstwertgefühl und lehnten ihren Körper ab.</P><P><BR>Außerdem sei augenscheinliche Aggression von Mädchen in der Gesellschaft kaum akzeptiert, sie werde möglichst unterbunden: "Jungen sind nach außen hin aggressiv, prügeln sich. Mädchen dagegen fressen die Aggression in sich hinein und richten sie gegen sich selbst", erklärt Michael Günter, Leitender Oberarzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Tübingen. Mit den Schnitten würden die jungen Frauen ihre Aggression und Spannung kurzzeitig abbauen, die Selbstverletzung werde zum Automatismus, so Günter.</P><P><BR>Rund 5 bis 6 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen sind nach Angaben des Berufsverbands der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (BKJPP) psychisch krank und müssen behandelt werden. Weitere 15 bis 20 Prozent - bundesweit etwa 2,4 bis 3,2 Millionen - leiden unter psychischen Störungen, berichtete der Verband in Weil der Stadt zum "Tag der seelischen Gesundheit" am Freitag (10. Oktober). Zahlen über Selbstverletzungen nannte er nicht.</P><P><BR>Die Eltern seien häufig überfordert, meint Oberarzt Günter. Er rät den Mütter und Vätern, frühzeitig bei Beratungsstellen oder beim Kinderpsychiater Hilfe zu suchen und eventuell zunächst einmal zu klären, ob das Kind unter psychischen Störungen leide. "Das Wichtigste ist, dass die Eltern Interesse zeigen und mit ihrem Kind im Gespräch bleiben." </P>

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