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100 Jahre Trickfilm. Der kleine Eisbär ist eine moderne Produktion.

Jubiläum

Deutscher Trickfilm wird 100 Jahre alt

Vor 100 Jahren entstand der erste deutsche Zeichentrickfilm, es war ein Werbefilm für Sekt. Die bekannteste Figur ist und bleibt aber sicherlich Walt Disneys Mickey Mouse.

Er ist keine 30 Meter lang, plumpe Werbung und dauert auch nur eine knappe Minute - trotzdem hat "Prosit Neujahr" deutsche Filmgeschichte geschrieben. Der Reklamestreifen ist der älteste deutsche Trickfilm im Deutschen Filmarchiv in Berlin.

Damit wird der deutsche Animationsfilm in diesem Jahr 100 - und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: inklusive vorübergehendem Weltruhm zwischen den Weltkriegen, Missbrauch durch die Nazis und immerhin zwei Oscar-Gewinnern in den 80er und 90er Jahren. Am Freitag, 8. Mai, sendet der SWR ab 23.30 Uhr eine Spezialsendung im Radio.

Kein Streifen zum Liebhaben

Das Internationale Trickfilm-Festival in Stuttgart, das an diesem Sonntag (10. Mai) zu Ende geht, feiert das Jubiläum mit einer Retrospektive (Link zum Programm-PDF). Ob Guido Seebers "Prosit Neujahr 1910" tatsächlich der allererste deutsche Trickfilm war, kann nicht so ganz geklärt werden. "Aber er ist zumindest der älteste, den wir hier haben", sagt die Berliner Filmarchivarin Doris Hackbarth. Auch im Archiv des Deutschen Filminstituts kennt man keinen älteren.

Es ist aber leider nicht wirklich ein Streifen zum Liebhaben. Der Film mixt Realbilder mit Trick und will vor allem Sekt "Kupferberg" an den Mann bringen. Der Inhalt ist rasch erzählt: eine Gesellschaft feiert den Jahreswechsel. Mit Stopp-Trick füllen sich die Gläser wie von Geisterhand. Per Einzelbildaufnahmen Bild für Bild "toten" Dingen Leben einzuhauchen und die Illusion von Bewegung zu erzeugen - trotz Computeranimation funktioniert Trickfilm häufig auch heute noch so. Beim Sandmännchen etwa oder natürlich auch bei den Knetfiguren Wallace & Gromit, wie Ulrich Wegenast berichtet, der künstlerische Leiter des Stuttgarter Festivals.

Wer hat's erfunden?

Erfunden haben soll den Stopp-Trick laut Filmarchiv der Franzose George Méliès 1896. Als "Vater des Zeichentrickfilms" aber wird ein Belgier genannt: Emile Reynaud projizierte schon vier Jahre zuvor gezeichnete Bewegungsabläufe mittels Spiegel und Prisma auf Leinwand. Vor allem Werbefilmer faszinierte die Technik. Auch Großmeister Walt Disney zeichnete Werbefilme. Bei der Entwicklung kommerzieller Trickfilmproduktion hängte Amerika Europa bald ab.

Die ersten nennenswerten Zeichentrickfilme in Deutschland waren Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs. "In den 20er Jahren hatte der deutsche Animationsfilm dann aber künstlerisch absolut Weltruhm", sagt Wegenast. Hans Fischerkoesen, laut Filmarchiv der "erfolgreichste deutsche Zeichentrickfilmer, drehte 1919 den ersten langen deutschen Zeichentrickfilm. "Das Loch im Westen" gilt aber als verschollen. Die Scherenschnitt-Meisterin Lotte Reiniger führte 1926 ihren abendfüllenden Silhouettentrickfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" vor - und sammelte internationale Auszeichnungen.

Hitler liebte Mickey Mouse

Die Nazis setzten dem ein jähes Ende. Sie vereinnahmten die Filmindustrie. "Hitler war ein großer Fan des Trickfilms", so Wegenast. Der Diktator liebte Mickey Mouse und wollte Disney übertrumpfen - schließlich eignete sich die Animation genauso für Propaganda wie zum Einlullen. Filmemacher wie Julius Pinschewer und Lotte Reiniger verließen das faschistische Deutschland. In der DDR gab es nur das staatseigene DEFA-Trickfilmstudio in Dresden. 2000 Produktionen entstanden, sicher viele unter ideologischen Vorgaben, wie es beim Filmarchiv heißt. Es gab aber auch Filmemacher, die Ost-Berlins Vorgaben unterliefen, berichtet Wegenast.

Lutz Dammbecks "Einmart" sei so ein Film, gespickt mit Flucht-Fantasien. Der westdeutsche Animationsfilm, mit Zentren in München und Stuttgart, kam nicht so recht in Tritt. Neue Dynamik gab es erst in den 80er Jahren. "Das gipfelte im Film 'Balance' (1989) von Christoph und Wolfgang Lauenstein, der 1990 den Oscar gewann“, berichtet Wegenast. Tyron Montgomery und Thomas Stellmach setzten 1996 mit "Quest" noch einen Oscar drauf. Zwar seien die USA und Japan bei der Trickfilmproduktion weit vorn und auch in Europa liege man hinter Großbritannien und Frankreich, dennoch seien mit "Das kleine Arschloch" oder "Der kleine Eisbär" zuletzt nationale Kassenschlager entstanden - ganz ohne Ideologie.

dpa

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