Der Tag des sechsten Flugblatts

- "Kommilitoninnen! Kommilitonen! Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt.

<P>Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr!" So beginnt das Flugblatt, das heute vor 60 Jahren, am 18. Februar 1943, die Geschwister Hans und Sophie Scholl in der Münchner Uni verteilten und im Lichthof von der Ballustrade warfen.<BR><BR>Das Flugblatt, das die Studenten aufrief, sich von den Nazis zu befreien, hatte der Philosoph und Musikwissenschaftler Prof. Kurt Huber verfasst, einige Korrekturen stammten von Hans Scholl und seinem Kommilitonen Alexander Schmorell. <BR><BR>Bei der Verteilung wurden die Geschwister vom Hausmeister der Uni beobachtet, und als überzeugter Nationalsozialist alarmierte er sofort die Polizei. Die Studenten wurden verhaftet und nur vier Tage später, am 22. Februar, zusammen mit Christoph Probst, einem weiteren Mitglied ihrer Widerstandsgruppe "Weiße Rose" vom Volksgerichtshof unter Richter Roland Freisler zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet. Begraben sind die Geschwister auf dem Perlacher Friedhof.<BR>Den Mut der Studenten, die dem Nazi-Regime die Stirn boten, würdigte die Ludwig-Maximilians-Universität in den folgenden Jahrzehnten zuerst zögernd, dann beherzt.<BR><BR>Heute sind die jährlichen Gedenkveranstaltungen an der Mahntafel im Lichthof ebenso selbstverständlich wie die Gedächtnisvortlesungen und die intensive Informationsarbeit der Weiße-Rose-Stiftung, die in der Uni ein Büro unterhält und eine Dauerausstellung.<BR><BR>Zur Gruppe "Weiße Rose" gehörten neben Hans Scholl, der seit 1939 an der Münchner Uni Medizin studierte und seiner Schwester Sophie, die 1942 mit dem dem Biologie- und Philosophiestudium begonnen hatte, die Freunde Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf. Auch sie studierten Medizin und waren außerdem Mitglieder in der sogenannten Studentenkompanie; so konnten sie trotz des Krieges normal studieren, aber sie gehörten zur Wehrmacht und wurden in den Semesterferien an die Front kommandiert. Großen Einfluss auf den studentischen Widerstand hatte Professor Kurt Huber. Weitere Studenten, Schüler, Lehrer, Hochschullehrer, Ärzte, Schriftsteller und Buchhändler standen in losem Kontakt zu ihnen. <BR><BR>Aufgewachsen waren die Geschwister Scholl in Ulm. Sophie war am 9. Mai 1942, ihrem Geburtstag, nach München gekommen, um ihr Studium anzufangen. Ihr Bruder Hans machte sie noch am Abend mit seinen Freunden und deren kritischen Gedanken zum Regime bekannt.<BR><BR>In einer ersten Aktionsphase im Juni/Juli 1942 verteilte die Studentengruppe vier Flugblätter in einer Auflage von je 100 Exemplaren, und zwar an ausgesuchte Leute, die meisten Akademiker in der Region München. <BR><BR>Professor Huber, anerkannter Volkslied- und Leibnizforscher, faszinierte durch seine umfassende Bildung und freien Gedanken die Studenten in seinen Philosophievorlesungen. Im Juni 1942 lernte der Professor Hans Scholl und seine Freunde persönlich kennen. Am fünften Flugblatt der Gruppe arbeitete Huber bereits mit, das sechste und letzte Flugblatt schrieb er alleine. Es erschien in etwa 9000 Exemplaren in mehreren Städten Süddeutschlands und in Österreich. Huber (verheiratet, zwei Kinder) wurde am 27. Februar verhaftet und am 13. Juli in München hingerichtet.</P><P>Lesen Sie hierzu: Thierse erinnert an Vermächtnis der Geschwister Scholl</P><P>GEDENKTERMINE <BR> 60. Jahrestag in der Aula<BR><BR>Die Gedenkveranstaltung "Erinnern an den 18. Februar 1943: Verhaftung von Hans und Sophie Scholl im Lichthof der LMU München" findet heute von 10.30-12 Uhr in der Großen Aula im Uni-Hauptgebäude statt. Es sprechen der Rektor der LMU, Prof. Bernd Huber, der Vorsitzende der Stiftung Weiße Rose, Franz J. Müller, Wissenschaftsminister Hans Zehetmair und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Senta Berger und Simon Verhoeven lesen danach aus den überlieferten Gestapo-Verhörprotokollen vor (Geschwister-Scholl-Platz 1). Um 19 Uhr hält Prof. Hans Mommsen von der Stiftung "Weiße Rose" einen Vortrag über "Die Stellung der Weißen Rose im bürgerlichen Widerstand" (Raum B108).<BR><BR>"Weiße Rose"-Symposium<BR><BR>"60. Jahrestag Weiße Rose - Neue Aspekte der Forschung" ist ein Symposium überschriftung, das ebenfalls heute, von 9.00 bis 16.45 Uhr, im Sennatssaal der Uni stattfindet (Unterbrechung von 10.30 - 12 Uhr für die Gedenkfeier). <BR><BR>Gedenkgottesdienst<BR><BR>"Und ihr Geist lebt trotzdem weiter" ist der evangelische Gedenkgottesdienst heute Nachmittag um 17.30 Uhr in der Markus-Kirche, Gabelsberger Str. 6 (U-Bahn Odensplatz) überschrieben. Es spricht Marie-Luise Schultze-Jahn als Zeitzeugin.<BR><BR>Feier der Studenten<BR><BR>Zu "einer etwas anderen Gedenkveranstaltung" mit einer theatralischen "Öffentlichen Hinrichtung" von Sophie Scholl und weiterer Widerstandskämpfer lädt die Studierendenvertretung der Uni München am Mittwoch, 19. Februar, um 20.00 Uhr in den Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität.<BR><BR>Workshop für Jugendliche<BR><BR>"Widerstehen lernen" ist ein Workshop für Jugendliche überschrieben, der in der Gedenkstätte "Weiße Rose" der Ludwig-Maximilians-Universität am 22. Februar von 11-16.30 Uhr stattfindet. Veranstalter sind die katholische und Evengelische Jugend München. Treffpunkt: Haupteingang der Uni, Geschwoster Scholl-Platz 1, Tel. Anmeldung unter: 089/ 123-960.<BR><BR><BR></P>

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