Serienmäßiges Buhlen um Aufmerksamkeit

- Vorreiter haben es nicht leicht. Das musste auch Loki Schmidt erfahren, als sie 1980 mit ihrer Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen zum ersten Mal die Blume des Jahres kürte: den Lungenenzian. Er sollte als geschützte Pflanze auf die bedrohten Flachmoore und feuchten Heiden aufmerksam machen, so die Frau von Alt-Kanzler Helmut Schmidt im Rückblick. Denn sie hatte eingesehen, dass nicht nur Kunstdünger, Ackergifte und schweres Gerät der Bauern Wildblumen und -kräutern den Garaus machten, sondern auch schlichte Unkenntnis. Also sollte möglichst vielen Menschen rechtzeitig bewusst werden, was an Schönem rings um sie noch immer sprießt und blüht.

<P>Doch das Presse-Echo war mager, zum Teil bösartig. Einen Blümchentick warf man der damaligen Kanzlergattin vor. Doch die Hamburger Blumenfreunde ließen sich nicht entmutigen und wählten 1981 die Narzisse aus, weil diese seltene Pflanze in Deutschland nur noch in der Westeifel und im Hunsrück vorkommt; 1982 folgte das Rote Waldvögelein, eine seltene einheimische Orchidee. Steter Tropfen höhlte auch hier den Stein: Jahre später war das Medienecho riesig.</P><P>Inzwischen steht bei der Auswahl der Blume des Jahres, meist durch Johannes Martens und sie, der Schutz eines gefährdeten Biotops im Vordergrund: Das kann der Trockenrasen, der Waldrand oder das Moor sein. Nach der Wahl des Wanderfalken zum ersten Vogel des Jahres 1971 durch den Deutschen Bund für Vogelschutz (heute Naturschutzbund NABU) war die Kür der Blume des Jahres erst die zweite derartige Aktion. Heute kreucht, fleucht und wächst da allerhand und wirbt um öffentliches Augenmerk: Seit 1989 der Baum des Jahres (zuerst die Eiche), später die Heilpflanze, das Säugetier, das Biotop und die Orchidee. Jetzt werden außerdem jährlich gewählt: das Nutztier, das Gemüse, die Staude, der Schmetterling, die Flechte, das Weichtier und die gefährdete Nutztierrasse; obendrein der Fisch, der Pilz, die Spinne, die Streuobstsorte - und das Insekt des Jahres. <BR><BR>2005 ist es die Steinhummel (Bombus lapidarius) - stellvertretend für 30 heimische Hummelarten. Außerdem gibt es erstmals den Boden des Jahres - und zwar die Schwarzerde.</P><P>Damit können nun in den Medien, in Schulen und Universitäten, in allen Schichten der Bevölkerung und bei den Politikern viele Aktionen dazu nutzen, die Böden und ihre Bedeutung zu thematisieren, hoffnungsfroh zeigen sichdie Träger der Aktion, der Bundesverband Boden (BVB) und die Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft (DBG). <BR>Die Pioniere der Jahresidee sehen die aktuelle Entwicklung kritisch. "Die Objekte des Jahres sind zur Inflation geworden", sagt Johannes Martens. Der Biologe findet Aktionen wie die Heilpflanze oder das Weichtier des Jahres sogar fragwürdig. <BR><BR>"Für den normalen Bürger ist das doch nicht mehr zu überschauen", meint der Biologe. Und Loki Schmidt wirft die Frage auf: Wann erlahmt das Interesse der Öffentlichkeit? Doch Abkupfern, oder freundlicher ausgedrückt: von anderen Lernen, ist nicht verboten. Schließlich geht es allen Organisationen ganz legitim auch um Spendengelder und längst nicht mehr um den bedrohten Organismus. <BR><BR>Insekten nach dem Grad ihrer Bedrohtheit auszuwählen, diene ihrem Schutz nur wenig, meint Holger Dathe, Leiter des Deutschen Entomologische Instituts. Denn die seltenen Arten bekomme man selbst als Insektenkundler kaum zu Gesicht. Ein Tier, das man nicht sehen und wiedererkennen könne, eigne sich nicht für die Öffentlichkeitsarbeit. Also falle die Wahl des Kuratoriums auf bekannte oder erkennbare Arten, mit denen sich allgemeine Umwelterkenntnisse verbinden lassen. "Die Florfliege etwa als Insekt des Jahres 1999 war nach unseren Erfahrungen sehr hilfreich, weil einem Millionenpublikum erstmals jenes Tier und sein Nutzen ins Bewusstsein gebracht wurde", so Holger Dathe. Bis vor fünf Jahren war die Florfliege bestenfalls als lästige winterliche Einquartierung wahrgenommen worden.</P>

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