Sie landeten am Internet-Pranger

Shitstorms und ihre prominenten Opfer

München - Beleidigt, beschimpft, bedroht: Wer in einen sogenannten „Shitstorm“ gerät, steht im Internet am Pranger. Schon Kleinigkeiten können so einen Sturm auslösen – mitunter reicht ein verbales Missgeschick.

Ungeschickt: Boris Becker fiel als politischer Kommentator durch.

Eigentlich hatte er es ja gut gemeint, der Boris Becker . Gerade war der Friedensnobelpreis an die EU verliehen worden, da sah sich der Ex-Tennisstar bemüßigt, sein Urteil darüber in die Welt hinauszuzwitschern. In weltmännischer Manier verkündete er zu später Stunde unter seinem Nutzernamen @Becker_Boris über den Kurznachrichtendienst Twitter: „Großer Bewunderer von Angela Merkel! Ich bin sehr stolz und werde Patriot, als Sie Friedensnobelpreis gewonnen hat!!!“ Kleines Problem: die Grammatik. Großes Problem: Nicht Merkel war geehrt worden, sondern die EU.

Die Reaktion im Internet war vernichtend. Es regnete verbale Watschn für diesen Fauxpas, die Nutzer überschütteten Becker mit Häme und Spott. Er solle sich einen Duden anschaffen, rieten ihm die einen. Er solle einen Deutschkurs buchen, ätzten andere. Manche wurden noch derber: „Ich werde an dem Tag Patriot, an dem @Becker_Boris wegen schier unfassbarer Idiotie die Staatsbürgerschaft aberkannt wird“, äußerte ein entnervter User. Kurz: Boris Becker war in einen Shitstorm geraten.

Die größten Shitstorms

Die größten Shitstorms

Als Shitstorm werden jene öffentliche Entrüstungwellen bezeichnet, die sich nach einer Art Schneeball-System im Internet verbreiten. Manchmal wird noch argumentiert, öfter aber einfach beleidigt oder sogar bedroht. Transportiert wird die Empörung über Soziale Online-Netzwerke und Blogs. Geht so ein Shitstorm erst einmal los, gibt es kaum ein Halten. Die Welle verselbstständigt sich schnell und erhält eine besondere Wucht, wenn sie auch noch von den traditionellen Massen-Medien aufgegriffen wird.

Der Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern „shit“ (Scheiße) und „storm“ (Sturm). Eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern um Prof. Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin hat „Shitstorm“ zum Anglizismus des Jahres 2011 gekürt.

Wenn sich ein Shitstorm zusammenbraut, kann das verschiedene Ursachen haben. Der Sturm wird oft gezielt von Kritikern initiiert, kann aber auch durch ein ungeschicktes Verhalten (wie bei Boris Becker), ein Versehen oder mangelnde Sensibilität ausgelöst werden. Oft reichen ein einzelner Kommentar, ein Facebook-Eintrag oder ein Blogeintrag, um die geballte Empörung der Nutzer zu provozieren. Manchmal bringt auch ein Fernsehbeitrag den Stein ins Rollen – wie vor kurzem beim Pop-Schlagerstar Michael Wendler.

Was war passiert? In der Reality-Soap „Christopher Posch – Ich kämpfe für ihr Recht“ berichtete RTL darüber, wie Wendler angeblich zwei wasserstoffblonde Damen über den Tisch gezogen hatte, Mutter und Tochter, die ein Wendler-Fan-Café auf Mallorca eröffnen wollten. Die Netz-Community schlug unbarmherzig zu.

Uncharmant: Schlagerstar Michael Wendler ließ zwei Fans hängen.

Kaum war der Beitrag ausgestrahlt, wurde auf Facebook die Seite „100 000 Menschen, die Michael Wendler scheiße finden“ ins Leben gerufen. Die Zahl der Nutzer, die „Gefällt mir“ klickten, explodierte. Rein rechnerisch solidarisierten sich zeitweise 300 neue Wendler-Hasser pro Minute mit den Ballermann-Damen. Binnen eines Tages hatte die Website 200 000 Fans, die den Sänger teilweise aufs Übelste beleidigten. Irgendwann wurde die Seite dichtgemacht, doch der Sturm war noch nicht zu Ende: Eine neue wurde eingerichtet, die es auf 18 200 Fans brachte.

Die virtuellen Schimpf-Tiraden machen auch vor Unternehmen nicht halt. Im Oktober 2010 trafen sie die Deutsche Bahn unvorbereitet. Die wollte ihre Kunden mit einem Super-Sparangebot auf ihre Facebook-Seite locken. Doch viele kamen nicht wegen des „Cheftickets“, sondern um ihrem Ärger über verspätete Züge sowie das Bauprojekt Stuttgart 21 Luft zu machen. Die Bahn ließ viele Kommentare unbeantwortet. Im Sozialen Netzwerk braute sich ein Sturm aus Wut und Empörung zusammen.

Dabei werden Facebook, Twitter & Co. für die Geschäftswelt immer wichtiger (siehe Interview unten). Eine Studie ergab, dass nur zwei der Dax-30-Unternehmen nicht bei Facebook und Co. aktiv sind. Auch Mittelständler nutzen die Plattformen zunehmend, wie das Marktforschungsinstitut Techconsult ermittelte. Doch wer dort aktiv ist, muss sich auch mit der Gefahr eines Shitstorms auseinandersetzen.

Umgekehrt können Unternehmen auch von einem Shitstorm profitieren – wie vor ein paar Tagen der Computer-Gigant Apple. Als der Konzern im ARD-Markencheck etwas oberflächlich kritisiert wurde, meldeten sich umgehend die Apple-Jünger im Internet zu Wort: Auf Twitter und Facebook wurde Frank Plasbergs Talkrunde auseinandergenommen.

Unmusikalisch: Rebecca Black sorgte mit einem Video für negative Furore

Fakt ist auch: Wer sich selbst im Internet exponiert, muss mit Kritik rechnen. So erging es 2011 der damals 13-jährigen Rebecca Black . Das US-Mädchen mit der Ausstrahlung eines Disney-Kinderstars lud bei Youtube ihren Song „Friday“ hoch, verpackt in einem Hochglanz-Videoclip, der ihre Eltern rund 2000 Dollar (1400 Euro) gekostet hat.

Black wurde zur Internet-Sensation – allerdings nicht nur, weil die Nutzer den Song so toll fanden. Der Link zum Video wurde als Beispiel für eine peinliche und talentfreie Darbietung herumgeschickt. Immerhin: Rebecca kam bis heute auf knapp 48 Millionen Klicks, 650 000 Kommentare – und rekordverdächtige 960 000 negative Bewertungen.

Ungehobelt: Giulia Siegel machte sich über Jenny Elvers- Elbertzhagen lustig.

Wie sensibel die Netzgemeinde mitunter auf beiläufige Sticheleien reagiert, bekam gerade Giulia Siegel zu spüren, die schauspielernde Tochter von Star-Komponist Ralph Siegel. Die hatte sich per Twitter zynisch über die Alkohol-Beichte von Jenny Elvers-Elbertzhagen lustig gemacht. „Meine Mädels und ich trinken gerade eine Flasche Wein, eine Flasche Sekt und öffnen gleich eine Flasche Vodka. Wir wollen beichten“, schrieb sie. Wer gemeint war, lag auf der Hand. Auf Siegels Account ging daraufhin die Post ab – allerdings wurde die Lästerei von hunderten Nutzern kritisiert. Am Ende hat sich Siegel entschuldigt.

So viel Demut kam Boris Becker nach seinem peinlichen Zwitscher-Kommentar nicht in den Sinn. Er ging vielmehr zum Gegenangriff über: „Blanker Neid, Missgunst und Schadenfreude kommt aus meinem Handy“, ließ er seine Follower wissen. Die stärkten ihrem Idol denn auch den Rücken: „Danke für die Worte zum #Friedensnobelpreis. Ich mag Europa und die Idee dahinter. Lass die anderen meckern, Neider allesamt“, so die tröstenden Worte von Stephan Schwarz. Der einstige Gewinner von Wimbledon sagte, es sei erstaunlich, wie viele Menschen sich mit seinen oft schnell und spontan verfassten Tweets beschäftigten. Auf Twitter haben mehr als 140 000 Nutzer Beckers Botschaften abonniert.

Auch wenn Becker in dieser Episode nicht glänzte, beging er eine Todsünde jedoch nicht – einfach nichts zu tun, wenn man in einen Shitstorm gerät, und auf besseres Wetter zu warten. Dann nämlich wird man im Web nicht mehr ernst genommen.  

Von Tassilo Pritzl (mit Material von dpa)

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